Dead Set (GB 2008)

dead-setIn Großbritannien erfreut sich der Personality-Striptease „Big Brother“ noch immer großer Beliebtheit. Von gehobenem Publikumsgeschmack kündet dieser anhaltende Quotenerfolg wahrlich nicht. Aufsehen erregt die englische Fernsehkultur – ganz im Gegensatz zur Deutschen – dennoch, schließlich offenbart sie seit Jahren schier traumwandlerisches Gespür für originelle Serienkonzepte. Und das auch auf internationaler Bildfläche, wie die gleich mehrfach kopierte und Emmy-prämierte TV-Reihe „The Office“ (u.a. Vorlage zu „Stromberg“) belegt. Von visionären Absonderlichkeiten wie „The Mighty Boosh“ ganz zu schweigen.

Mit „Dead Set“ hat „Nathan Barley“-Autor Charlie Brooker einen galligen fünfteiligen Gegenentwurf zum Trash-TV kreiert. Angelehnt an die Zombie-Klassiker George A. Romeros beschwört er die Apokalypse herauf und arbeitet sie aus Sicht derer auf, die zum Zweck öffentlicher Nabelschau von der Außenwelt isoliert sind – den Bewohnern des „Big Brother“-Containers. Es ist Abstimmungsabend und für die Fernsehnation bedeutet dies die telefonische Abwahl eines Mitglieds der boulevard-kulturellen Wohngemeinschaft. Überschattet werden die Vorbereitungen im Studio von Nachrichtenmeldungen über Ausschreitungen und Chaos im ganzen Land.

Produzent Patrick, in dessen Rolle Andy Nyman („Severance“) ein neues Gardemaß für zynische Kotzbrocken anstrebt, schert sich nur um den reibungslosen Ablauf seiner Sendung. Stunden später hat die Epidemie der fleischfressenden Untoten auch das Studiogelände erfasst. Vorerst verschont bleibt neben Patrick auch Produktionsassistentin Kelly (Jaime Winstone, „Donkey Punch“), die sich bald zu den ahnungslosen Containerbewohnern durchschlägt. Während die Gruppe, darunter der bewährte Kevin Eldon („Hyperdrive“), Maßnahmen zum längerfristigen Überleben ergreift, marschieren vor den Toren des Studios die Zombiehorden auf.

Natürlich ist die Grundidee nicht neu, durch die Seitenhiebe auf die Welt des Reality-TV (untermauert durch Gastauftritte echter „Big Brother“-Bewohner) aber von einer gewissen Frische umweht. Romero selbst versuchte dies unlängst mit „Diary of the Dead“, doch überflügelt „Dead Set“ die Bestrebungen des Altmeisters bereits durch die ungezwungene Variierung der bewährten Schemata. Brooker geht es nicht um das Novum, sondern die (typisch) britische Sicht der endzeitlichen Dystopie, die das brutale Massensterben mit derben Dialogen und viel schwarzem Humor kommentiert. Dass den Figuren dabei ein Mindestmaß an Glaubwürdigkeit anhaftet, gestaltet die Serie auch in dramaturgischen Belangen überzeugend.

Das klassische Wanken der Wiedergänger aus Romeros Blaupausen ist im neuen Jahrtausend den rennenden Untoten gewichen. Die Entscheidung zugunsten dieser durch „28 Days Later“ geprägten modernen Darstellungsweise ist bei „Dead Set“ jedoch ein kalkuliertes Muss für die Nachvollziehbarkeit der sich rasend schnell ausbreitenden Seuche. Bevor die schlussendlich auch die kleine Bastion der lebenden zu überrollen droht, wechseln sich Spannungsspitzen mit satirischen Untertönen und ungezügelter Gewalt ab. Aber selbst die ist in ihrer betonten Drastik mehr Hommage als Selbstzweck. Für die Mattscheibe ist dies bluttriefende Experiment ein experimenteller Zugewinn. Für das Sub-Genre des Zombie-Splatters sowieso.

Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

 

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