Days of Being Wild (HK 1990)

days-of-being-wildDie Filme Wong Kar-Wais kreisen um ein Epizentrum aus Entfremdung, Einsamkeit und Gewalt. Nach dem inhaltlich überschaubaren Debüt „As Tears Go By“ erweiterte der chinesische Regie-Autor das Ensemble für sein Zweitwerk „Days of Being Wild“ und rückte mehr Figuren in den Blickpunkt der Geschichte. Deren Ausgangspunkt ist der rücksichtlose Playboy Yuddie (Leslie Cheung, „A Better Tomorrow“), der Frauen nach Belieben benutzt und anschließend fallen lässt. Das ist seine Art der Abrechnung mit der weiblichen Welt, gab ihn die leibliche Mutter nach der Geburt doch zur Adoption in die Hände der ehemaligen Konkubine Rebecca (Rebecca Pan, „In the Mood for Love“). Yuddie ist gewillt, seine wahre Erzeugerin aufzuspüren, aus Furcht ihn zu verlieren verheimlicht ihm die Ersatzmutter aber deren Namen und Aufenthaltsort.

Nachdem der gefühlskalte Lebemann die schüchterne Su Lizhen (Maggie Cheung, „Police Story“) abserviert hat, ist die Tänzerin Mimi (Carina Lau, „2046“), im selben Nachtclub wie Rebecca angestellt, seine neue Geliebte. Zumindest vorläufig. In der Zwischenzeit vertraut sich Su dem Polizisten Tide (Andy Lau, „Das Duell in der verbotenen Stadt“) an, dessen Zuneigung sie aber nicht erkennt. Als Rebecca plant Hongkong zu verlassen, überlässt sie Yuddie die alten Briefe seiner Mutter. Unverzüglich begibt er sich auf die Philippinen, um sie aufzusuchen. Mimi lässt er zurück, was sein ihn nacheifernder Freund Zeb (Jacky Cheung, „High Risk“) nutzt, um sich ihr zu nähern.

„Days of Being Wild“ ist ein leise erzähltes Verwirrspiel der Emotionen. In „Chungking Express“ und dessen Erweiterung „Fallen Angels“ sollte sich Wong Kar-Wai einer ähnlichen Weise der Schicksalsbetrachtung bedienen. Der dabei zunehmende Blick in die Gedankenwelt der Protagonisten, vorgenommen durch perspektivische Off-Kommentare, ist hier bereits vorhanden, wenn auch nur am Rande. Der nostalgische Blick auf das Hongkong der frühen sechziger Jahre unterstreicht die Melancholie des Anti-Liebesreigens trefflich. Nicht unerheblichen Anteil hat daran die erste Zusammenarbeit Wong Kar-Wais mit dem australischen Kameramann Christopher Doyle, dessen feines Gespür für Blickwinkel und Einstellung sich als perfektionierende Fassette im Stil des chinesischen Autorenfilmers erweisen sollte.

In einem Kurzauftritt rundet Tony Leung („Cyclo“), dessen Weg sich mit dem Wong Kar-Wais in Zukunft häufiger kreuzen sollte, die bewegend aufspielende Darstellerriege ab. Die aufblitzende Gewalt beschränkt sich bei „Days of Being Wild“ auf ein Minimum und fungiert einzig als Hinleitung auf das tragische Finale. Mit dem internationalen Aushängeschild des Hongkong-Kinos, dem stilbildenden Actionballett, hat Wong Kar-Wais zweites Frühwerk noch weniger gemein als sein Vorgänger. Vielmehr empfahl sich der Regisseur endgültig für beständig kunstvolles Kino abseits des Mainstream. Diesem Weg die Treue haltend, gelangte er zu Weltruhm. Forciert hat er es nicht, dafür sind seine Werke zu schlicht. Doch konnte diese Klasse unmöglich nur dem asiatischen Raum vorbehalten bleiben.

Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

 

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