Das Talent des Genesis Potini (NZ 2014)

das-talent-des-genesis-potiniDas Prinzip des Method Acting spornt Vollblutschauspieler zu Höchstleistungen an. Um sich intensiv auf Rollen vorzubereiten, tauchen Darsteller in Milieus ein, erhalten Einblicke in Professionen oder machen physische Metamorphosen durch. Als extremstes Beispiel dient Christian Bale, der sich wahlweise ausgemergelt, durchtrainiert oder übergewichtig präsentiert. Für die Verkörperung des neuseeländischen Schach-Genies Genesis Potini (Spitzname: The Dark Horse) ging auch Cliff Curtis („Fear the Walking Dead“) eine körperliche Veränderung ein. Über Wochen trank er bis zu 24 Bier pro Tag und nahm für die intensivste Rolle seiner Karriere rund 25 Kilo zu.

Doch nicht nur aufgrund dieses Traktats verschwindet der Mime hinter dem portraitierten Menschen. Es ist seine gesamte Erscheinung, von der bulligen Physis bis zur teils hektischen Gestik, die seine Performance herausragend gestaltet. Das zeigt sich bereits zu Beginn von James Napier Robertsons („I’m Not Harry Jenson“) ungeschöntem Drama „Das Talent des Genesis Potini“, in dem Curtis’ Außenseiter geistig verwirrt durch eine neuseeländische Stadt streift. Er führt Selbstgespräche, erinnert sich ans Schachspielen und wird vor einem Geschäft von Polizisten aufgelesen. Genesis, der seit seiner Kindheit an einer bipolaren Störung leidet, landet in einer Nervenheilanstalt und wird schließlich in die Obhut seines älteren Bruders Ariki (Wayne Hapi) übergeben.

Der ist von der Aussicht wenig begeistert, sich um den kranken Blutsverwandten kümmern zu müssen. Ariki, Mitglied einer Motorradgang, fristet ein unstetes Dasein, was zwangsläufig auf seinen Teenagersohn Mana (James Rolleston, „Boy“) abfärbt. In diesem von markigen Posen dominierten Milieu wirkt der unsicher erscheinende Genesis deplatziert. Als ihn Ariki mit ein bisschen Geld auf die Straße setzt, findet er den nötigen Halt in einem Schachclub für sozial benachteiligte Kinder. Während er bei Wind und Wetter vor einem Denkmal nächtigt, richtet er sich an der Lehre taktischer Grundlagen (und kultureller Werte) auf. Auch Mana zeigt Interesse an Genesis’ Philosophie. Der Konflikt mit Ariki ist da unweigerlich vorprogrammiert.

Die neuseeländische Produktion bleibt angenehm weit von typischem Hollywood-Kitsch entfernt. Bei der Schilderung von Menschen und Milieus nähert sich Autor und Regisseur James Napier Robertson eher nüchternen heimischen Produktionen wie „Die letzte Kriegerin“ und „Whale Rider“ an, in denen der überragende Cliff Curtis ebenfalls mitwirkte. Doch bleibt die Inszenierung feinfühlig genug, um das unsentimentale Drama durchweg bewegend zu gestalten. Die erzählte Geschichte ist dabei lediglich ein Teil der Vita des 2011 verstorbenen Genesis Potini und dient nur vordergründig, durch das Ziel der nationalen Schach-Juniorenmeisterschaft, als typische Underdog-Erfolgsstory. So ist der mit leisem Humor unterfütterte Film rau, lebensbejahend und allen voran grandios gespielt. Für Programmkinogänger absolutes Pflichtprogramm!

Wertung: (8 / 10)

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