Das Reich und die Herrlichkeit (CDN/GB/F 2000)

das-reich-und-die-herrlichkeitDie Sierra Nevada im Jahre 1867. Der Pionier Daniel Dillon (Peter Mullan, „Braveheart“) ist Geist und Stimme von Kingdom Come, einer abgelegenen Bergbaugemeinde. Er herrscht mit gestrenger Hand über Geschäft und Gesetz, hält im Gegenzug aber die bestehende Ordnung aufrecht. Als ein Vermessungstrupp der Central Pacific Railroad, angeführt vom jungen Dalglish (Wes Bentley, „American Beauty“), den Grundstein für eine Schienenanbindung an Dillons Einflussgebiet legt, scheint der Patriarch am Ziel seiner Träume angelangt. Doch mit Ankunft der kränklichen Elena (Nastassja Kinski, „Paris, Texas“) und ihrer Tochter Hope (Sarah Polley, „Mein Leben ohne mich“) holt ihn die eigene Vergangenheit ein. Jahre zuvor tauschte er die beiden, seine Frau und das gemeinsame Kind, gegen jene Schürfrechte ein, die ihn zu einem reichen Mann machen sollten.

Der Mensch gegen die Natur, der Mensch gegen sich selbst. Michael Winterbottoms „Das Reich und die Herrlichkeit“ ist ausdruckstarkes Schauspielerkino mit Tiefgang. Die karge, unwirtliche Kulisse des Goldgräberstädtchens, mehr noch die umliegenden Berge und Täler, sind ebenso zerklüftet wie die Protagonisten selbst. Getragen von der brillanten Kameraführung Alwin H. Kuchlers („Code 46“) werden kleine Gesten und dezentes Minenspiel zum Spiegelbild innerer Aufgewühltheit. Viele Worte braucht es in diesen Szenen nicht. Überhaupt dominieren die leisen Töne, Winterbottoms Gabe der nüchternen Beobachtung. Das Drama um Schuld und Sühne, Träume und Hoffnung verfehlt seine Wirkung in dieser Funktionsweise nicht. Die Emotionen sind echt, nicht entstanden durch einen künstlich kitschigen Rahmen zur Schau gestellter Gefühlswelten.

Winterbottom bedient sich bei Elementen des Westerns, jenes uramerikanischen Genres der bewegten Bilder. Jedoch versieht er seinen Film nicht mit einem etwaig gearteten Stempel der klassischen Pferdeoper. Die Ausstattung ist lediglich das Fundament, auf dessen glaubwürdiger Oberfläche verschiedene Schicksale ihren Lauf nehmen. Konfrontiert mit der eigenen Vergangenheit, entscheidet sich Dillon für seine Familie. Hope allerdings soll die Wahrheit vorenthalten bleiben. Auf der Strecke bleibt dafür Lucia (Milla Jovovich, „Million Dollar Hotel“), die schließlich mit Vermesser Dalglish anbändelt, obwohl der eigentlich Gefühle für Hope hegt. Den Ausschlag für das finale Inferno gibt die Eisenbahn, die sich letztlich entschließt ihre Schienenstrecke nicht durch Kingdom Come führen zu lassen.

Die Erhabenheit der Bilder, die verschlingende Allmacht der schneebedeckten Berghänge, sind das Herzstück von „Das Reich und die Herrlichkeit“. Wenn sich die Landschaft und der verschneite Grund am Ende im Schein vernichtender Flammen Glutrot färben, wenn nach einer Explosion ein brennendes Pferd durch das kalte Hochland galoppiert, findet die Poesie der fast surrealen Kontraste ihre Höhepunkte. Das Ende ist wie der Beginn – distanziert. Die emotionale Nähe erzeugt das gänzlich überzeugende Darstellerensemble. Michael Winterbottom („In this World“) unterstreicht einmal mehr sein Gespür für die Authentizität des Kinos. Ein Massenpublikum befriedigt diese Art Film nicht. Aber das dürfte auch kaum die Intention seiner Macher gewesen sein.

Wertung: (8 / 10)

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