Das Mädchen mit dem Perlenohrring – Girl with a Pearl Earring (GB/LUX 2003)

das-maedchen-mit-dem-perlenohrringBereits im zarten Alter von 19 Jahren zählt Scarlett Johansson zu den hoffnungsvollsten Charakterdarstellerinnen ihrer Generation. Neben Kleinkunstperlen des Schlages „Ghost World”, „The Man Who Wasn’t There” oder „Lost in Translation” veredelt die jüngst mit Oscar- wie Golden Globe-Nominierung geadelte Aktrice Filme beinahe jedweden Genres und festigt den Status schier überbordenden Talents mit jeder neuen Verpflichtung. Jüngstes Beispiel dafür bildet die mit drei Oscar-Nominierungen („Beste Kamera“, „Beste Ausstattung“, „Bestes Kostümdesign“) bedachte Romanadaption „Girl With a Pearl Earring”. Auf der literarischen Vorlage Tracy Chevaliers entfaltet TV-Regisseur Peter Webber („The Stretford Wives”) sein expressives und von glänzender Bebilderung getragenes Kinodebüt und führt wahrhaft eindrucksvoll vor Augen, dass ein jedes Gemälde im Stande scheint, eine eigene Geschichte zu erzählen.

Im niederländischen Delft des Jahres 1665 wird die 17-jährige Griet (Scarlett Johansson) durch die plötzliche Erblindung des Vaters gezwungen, der Familie finanziellen Beistand zu leisten. Aus eben diesem Grunde wird die junge Frau Bedienstete im Hause des angesehenen Malers Johannes Vermeer (Colin Firth, „Bridget Jones”) und erweckt durch ihr künstlerisches Feingefühl schon bald die Aufmerksamkeit des zurückgezogenen Familienvaters. Ihr intuitives Verständnis für Farbgebung und Lichtnuancen beschert Griet sozialer wie gesellschaftlicher Differenzen zum Trotz die stille Zuneigung des Malers, welcher sie schon bald in das komplexe Universum seines Schaffens einführt. Von Vermeers Schwiegermutter Maria Thins (Judy Parfitt, „Dolores Claiborne”) aufgrund ihrer offenkundig inspirierenden Wirkung auf ihren, den wohl situierten Lebensstand der Famile gewährleistenden, Anverwandten stillschweigend geduldet, belasten des Hausherren eifersüchtige Ehefrau Catharina (Essie Davis, „Code 46″) und Kinder Griets Gemütslage enorm.

In ihrer Einsamkeit lässt sich die junge Maid mit dem Schlachtergesellen Pieter (Cillian Murphy, „28 Days Later”) ein. Doch erregt Griets unmündige Schönheit zudem die Lust von Vermeers Patron Van Ruijven (Tom Wilkinson, „In the Bedroom”), der den restriktiven Machtbereich seines Vermögens auf den Künstler insgeheim kaum zu ertragen vermag. So sichert sich Vermeer das Patronat Van Ruijvens einzig durch eine weitere lukrative Auftragsarbeit: ein Portrait Griets. Ein visionäres Kunstwerk, das den Familienverband des geachteten kreativen Geistes einen hohen Preis zahlen lässt. Auf der barocken Optik des fulminanten Kameraverantwortlichen Eduardo Serra („Unbreakable”) schwebend, entfaltet „Girl With a Pearl Earring” unter der schroffen Oberfläche eine vielschichtige Aura der Vitalität.

Geprägt von matter Farbgebung und virtuoser Lichtreflexion, offeriert das fordernde Kunstwerk auf großer Leinwand eine erlesene Bildkomposition voll stiller Anmutigkeit. Im Sinne eines tiefschürfenden Gemäldes selbst präsentiert sich der Film als dezent gespieltes Arthouse-Kino für Kopf und Bauch gleichermaßen, sparsam an Gestik und Mimik. Permanent am Scheideweg der Langatmigkeit pilgernd, bewahrt die betörende Bebilderung das von unaufdringlicher Dramaturgie gesäumte Geflecht vor dem entgleitenden Interesse des Betrachters. In eben solch unkonventioneller Inszenierung wie Jane Campions „Das Piano” schwelgend, fiktionalisiert Peter Webbers eindringliches Drama den möglichen Hintergrund eines großen mittelalterlichen Kunstwerks auf ebenso fesselnden wie dyonisischen Pinselstrichen und markiert für Cineasten wie gleichwohl Kunstliebhaber den exaltierendsten Augenschmaus seit langem.

Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

scroll to top