Das ist unser Land! (F/B 2017)

Auf politischer Ebene hat der Rechtspopulismus vermeintlich leichtes Spiel. Die Feindbilder sind mit Migranten, Islamisten und etablierten Parteien klar abgesteckt und statt Lösungen zu erarbeiten, genügt bereits der Fingerzeig auf Probleme. Aber auch nur solche, die dem nationalen Gefüge schaden. Zumindest theoretisch. Dabei behilflich sind polemische Botschaften und tiefe Gräben. Anstelle eines Wir-Gefühls braucht es ein Wir-gegen-die-Gefühl. Diese Art, Themen zu besetzen, ist so simpel wie durchschaubar. Sofern man gewillt ist, die vaterlandstreuen Parolen kritisch zu hinterfragen.

Dabei helfen kann „Das ist unser Land!“, ein französisches Polit-Drama mit deutlichen Seitenhieben gegen den Front National (FN) und dessen Gallionsfigur Marine Le Pen. Die Parallelen sind so reichhaltig wie offenkundig: Eine rechtsextreme Partei mit starker, vom Vater losgesagter weiblicher Führungsperson, sucht unter verändertem Namen Anschluss an die Mitte der Gesellschaft. Die Hochburg liegt in Film und Realität im Norden Frankreichs. Statt die große nationale Bühne ins Zentrum der Betrachtung zu rücken, konzentriert sich der belgische Regisseur Lucas Belvaux („Auf der Flucht“) auf die fiktive Kleinstadt Henart im strukturschwachen Département Pas-de-Calais.

Unter dem Brennglas einer nüchternen Bestandsaufnahme gegenwärtiger sozialer und politischer Befindlichkeiten macht er Krankenpflegerin Pauline Duhez (Émilie Dequenne, „The Missing“) zur Schachfigur im kommunalpolitischen Ränkespiel – und legt dabei offen, welche Auswirkungen das Bekenntnis zum ideologischen Extrem auf das gesellschaftliche Gefüge des urbanen Mikrokosmos hat. Durch den Arzt Philippe Berthier (André Dussolier, „Micmacs – Uns gehört Paris!“) wird die alleinerziehende zweifache Mutter vom apolitischen, sozial vielseitig vernetzten Normalbürger zur Stellvertreter-Kandidatin für das Bürgermeisteramt.

Vor ihr steht Agnés Dorgelle (Catherine Jacob, „Livid – Das Blut der Ballerinas“), Parteichefin des ehemaligen Patriotischen Blocks. Sie gewinnt Pauline für die nationalistische Bewegung und den Kampf gegen die verkrusteten Strukturen des Establishments. Das hat Folgen: Der Vater, ein alter Kommunist, will mit Pauline nichts mehr zu tun haben, der Bekanntenkreis spaltet sich und die Hausbesuche im heruntergekommenen, zu einem Gutteil von Migranten bewohnten Mietbunker beschwören Spannungen herauf. Ihre Liebesbeziehung zu Stéphane Stankowiak (Guillaume Gouix, „The Returned“), einem militanten Rechtsradikalen, ist selbst der Parteispitze zu heikel. Doch Berthiers Versuche, die Liaison zu unterbinden, steigern lediglich den Trotz der naiven Kandidatin.

Aus dem bedächtigen, mitunter etwas kühl anmutenden Erzählrhythmus schöpft der wenig subtil zu Werke gehende Belvaux tiefe Einblicke in das gegenwärtige politische Spannungsgefüge in Frankreich. Der im Titel reflektierte Drang der territorialen Beanspruchung lässt sich dabei nicht allein auf die Rechtsextremen übertragen, sondern in abgeschwächter Ausprägung auf nahezu alle beleuchteten Milieus. Die Mechanismen, mit denen die Populisten öffentliches Aufsehen erregen, werden eher beiläufig erfasst. Im Zentrum steht Pauline, die als Polit-Marionette erst spät bemerkt, dass von ihr keine Partizipation, sondern lediglich Folgsamkeit gefordert wird. Die damit verbundenen Eindrücke sind erhellend, selbst wenn der sehenswert gespielte Film keineswegs frei von Polemik und Plattitüden bleibt.

Wertung: (7 / 10)

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