Dark Justice (LUX/CAN/IRL 2018)

Über die Verflechtungen von Politik und Wirtschaft wird mitunter ebenso heftig diskutiert wie über die ausbeuterische Geschäftspolitik von Konzernen. Allein: Es geschieht wenig. Als Verbraucher (und Wähler) sind die Möglichkeiten eingeschränkt, aber durchaus wirksam. Denn sowohl die Lenker im Staatswesen als auch die Entscheider in den Führungsetagen großer Unternehmen sind auf die Akzeptanz der Menschen – sei es durch Stimmabgabe oder Produktkauf – angewiesen. Eine schnelle Veränderung kehrt dadurch allerdings nicht ein. Umso wichtiger sind Treiber, die ein Umdenken forcieren und die oft undurchsichtigen Allianzen und ihre Konsequenzen aufdecken.

Dieser durch Aktivisten und Whistleblower befeuerte Prozess wird im (Polit-)Thriller „Dark Justice“ auf die Spitze getrieben. Die luxemburgisch-kanadisch-irische Co-Produktion spinnt ein Szenario, bei dem vier konkret schuldhafte Akteure mit rüden Methoden an den (Online-)Pranger gestellt werden. Dahinter steckt der zur Fahndung ausgeschriebene Hacker Jake De Long (Martin McCann, „The Survivalist“), der mit seinem schimmeligen Dachgeschoss-Versteck in Luxemburg zum Auftakt jedes Untergrund-Klischee bedient. Jenes verlässt er aber alsbald Richtung Kanada, um seinen Plan mit Hilfe von Kollaborateurin Valerie (Astrid Roos, „Dreamland“) und weiteren Komplizen in die Tat umzusetzen.

Ziel der radikalen Aktion: die kanadische Umweltministerin Priscila Spencer-Kraft (Désirée Nosbusch, „Capitani“). Die trifft sich nach einem fingierten Cyber-Angriff mit den Konzern-CEOs Alain Jarnac (Philippe Duclos, „Act of Crime“) und Jean Dubois (Yves Jacques, „Grace of Monaco“) sowie der chinesischen Geschäftsfrau Ning Tang (Mai Duong Kieu, „Bad Banks“) in ihrem Haus. Dort wird das Gespann überwältigt und eingesperrt. In der Folge werden die Geiseln mit Umweltverbrechen konfrontiert, für die De Long und Helfer zahlreiche Beweise anbringen. Das Geschehen wird live ins Internet übertragen. Den Zuschauenden fällt dabei per Abstimmung die Entscheidung zu, ob die eigenmächtig angeklagten der aufgezeigten Vergehen schuldig sind. 

Die Methoden der Umwelt-Terroristen sind perfide, wenn die Kooperation der Geiseln – Guantanamo lässt grüßen – über marternde Licht- und Soundeffekte erzwungen wird. Von außen versucht Polizistin Hélène Langelier (Pascale Bussières, „District 31“), die Situation zu entschärfen, muss sich dabei jedoch mit der privaten Militärorganisation Blackhawk engagieren. Deren Anführer Brad Smith (Sean Gleeson, „The Foreigner“) ist bemüht, seine internationalen Kunden – und Finanziers – vor Jakes Enthüllungen zu schützen. So verhandelt der 2019 verstorbene Regisseur Pol Cruchten („Die Räuber“) in seinem letzten Film kammerspielartig zahlreiche Themen, die in den letzten Jahren die Gemüter erhitzten und spart nicht an Seitenhieben, u. a. in Richtung Nestlé und Blackwater.

Allerdings wird die kritische Grundhaltung durch den Zwang unterminiert, einen Spannungsbogen aufzubauen. Dazu dienen ethische Diskussionen der Aktivisten über den Umgang mit den Eingeschlossenen – und Zweifel daran, dass Jake mit offenen Karten spielt. Gerade die Motive des Drahtziehers werden tendenziell in Richtung schnöder Vergeltung gerückt. Das Bild vom unantastbaren Mastermind erscheint so noch überhöhter. Im Schlussdrittel, wenn jede Partei bemüht ist, ihre Interessen zu wahren, türmt sich Wendung auf Wendung. Die damit verbundene, arg konstruiert erscheinende Komplexität schadet der Geschichte aber mehr, als dass sie nutzen würde. So gibt der grundsätzlich reizvolle Stoff am Ende einfach nicht genug her, um politischen Diskurs und konventionelle Unterhaltung überzeugend unter einen Hut zu bringen.

Wertung: 5.5 out of 10 stars (5,5 / 10)

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