Comandante (USA/E 2003)

comandanteDeutschland entdeckt die Pracht der Dokumentation für sich. Als angenehmer Nebeneffekt dieses leisen Trends finden sich in gesunder Regelmäßigkeit observierende wie entlarvende Realfilme in den Spielplänen hiesiger Lichtspielhäuser wieder. Nicht ganz unbeteiligt an diesem gedeihenden Interesse der Kinogänger ist wohl Linkspopulist Michael Moore, dessen international ausgezeichnete Dokumentationen „Bowling for Columbine“ und „Fahrenheit 9/11“ auch hierzulande ein mehr als beachtliches Publikum erreichten. Und während manch fulminantes Werk dieses künstlerischen Sektors – beispielsweise „Outfoxed“ oder „The Weather Underground“ – noch immer auf eine Kinoauswertung in unseren Breiten hoffen darf, sieht sich das heimische Publikum dem seltenen Privileg ausgesetzt, einen Film auf großer Leinwand bewundern zu können, welcher dem amerikanischen Zuschauer konsequent vorenthalten wird.

Die Rede ist von „Comandante“, Oliver Stones Portrait des dienstältesten Diktators der jüngeren Geschichte, Kubas Machthaber Fidel Castro. Aufgezeichnet während eines dreitätigen Aufenthalts Stones auf Kuba im Jahre 2002, gibt der Film kaum Einblicke in eine der letzten „intakten“ sozialistischen Hochburgen unserer Zeit, sondern widmet sich vielmehr der Person an der Spitze dieses Gefüges. Das Polit-Quertreiber und Verschwörungstheoretiker Oliver Stone („Platoon“, „Wall Street“, „Alexander“) in Gesellschaft des bärtigen Vollzeit-Revoluzzers anfangs in beinahe schüchterner Ehrerbietung erstarrt, verwundert jedoch auf den ersten Blick. Denn derart zurückhaltend kennt man den dreifachen Oscar-Preisträger sonst nicht.

Doch fesselt „Comandante“ trotz anfänglicher Zurückhaltung des Regisseurs unverzüglich. Nicht zuletzt, weil Stone sein Gegenüber Fidel Castro als Staatsmann zum Anfassen figuriert. Bereitwillig, wie ein Hund der lange Zeit nicht bellen durfte, öffnet sich der ikoneske Staatsführer, inszeniert sich durch offenkundig geplante und einstudierte Bewegungsabläufe selbst. In zahlreichen Zwischenschnitten greift Oliver Stone auf Archivmaterial zurück, um sein Multi-Camera-Interview in ein gehaltvolleres Licht zu bugsieren. Seine Stärksten Szenen behält sich der Film indes für Stones Abweichung von der anfänglich lethargischen Glorifizierung vor. Der Suppe schlürfende Fidel Castro wird mit Fragen über Kennedy, Nixon, die Kuba Krise, Abtreibung oder Homosexualität gelöchert und degradiert selbst provozierende Vorstöße zu keiner Zeit mundfaul zum beiläufigen Weltgeschehen.

Selbstverständlich trügt der Schein auch in „Comandante“. Niemand wird wohl ernsthaft geglaubt haben, dass Fidel Castro im Interview seine innersten Gedanken Preis gibt. Staatsmännisch wortreich entzieht sich ‚Der große Diktator’ der Verantwortung heikler Fragen durch Abschweifung oder Bezugswechsel. Selbstverständlich schließt dies auch das Kapitel Ché Guevara mit ein. Doch erlaubt der Film einen zumindest an der Oberfläche nach Intimität schielenden Blick hinter die Fassade des Menschen Fidel Castro. Ein Mann, der den gepredigten Antikapitalismus durch das offene Tragen von Nike-Schuhen bereits frühzeitig ad absurdum führt.

„Comandante“ illustriert das Aufeinandertreffen zweier heftig umstrittener Männer. Doch fällt die ausgedehnte Konversation zwischen Filmemacher und Staatschef bei weitem nicht so subversiv oder brisant aus, wie es mancher US-Politiker vielleicht gefürchtet hatte. Statt dessen vermischt Oliver Stone historische Fakten mit persönlichen Einblicken seines Gegenübers und zeichnet das unkritische Bildnis eines ewigen Opportunisten. Auf der einen Seite mag diese beschönigende Passivität an der Intention des Projekts zehren, doch gestattet „Comandante“ einen seltenen wie zögerlichen Blick hinter die Kulissen von Castros Regime. Nicht frei von Zwiespalten, obgleich derentwegen nicht weniger interessant.

Wertung: (7 / 10)

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