City of God (BR/F 2002)

city-of-godOftmals reicht das Denken besser situierter Volksgruppen kaum über die Grenzen der frisch getrimmten Hecke des eigenen Gartens hinaus. Doch davon ungeachtet existieren fernab der heimischen Schwelle neben Rasenmähen und Autowaschen auch gesellschaftliche Klüfte, die in ihrer sinnlosen Abgründigkeit unzählige Menschenleben ins Verderben stürzen. Ein beachtliches Paradebeispiel dafür führt Regisseur Fernando Meirelles anhand des bitteren Gangster-Dramas „City of God“ vor Augen, adaptiert von Paulo Lins semidokumentarischem und 600 Seiten starkem Roman gleichen Namens.

Die Geschichte dreht sich um die Cidade de Deus, die Stadt Gottes, heruntergekommene Barackensiedlung und verslumter Vorort der brasilianischen Millionenmetropole Rio de Janeiro. An diesem trostlosen Ort werden abseits von Postkartenidylle und Urlaubsstimmung Kinder noch vor der Pubertät zu Erwachsenen deklariert, kaltblütige Morde und Überfälle eingeräumte Alltäglichkeiten. In diesem brodelnden Schmelztiegel aus sozialem Niedergang und Gewalt wachsen in den 60er-Jahren illusionslose Kinder wie Buscapé (Alexandre Rodriguez) oder Dadinho (Leandro Firmino da Hora), genannt Löckchen, auf.

Während sich Buscapé über die Jahre hinweg nach Kräften bemüht, dem unheilvollen Sog durch seine Leidenschaft für Photographie zu entkommen, steigt Dadinho aufgrund von unzähligen Morden zum brutalen Drogenboss der gesellschaftlichen Schattenregion auf. Die Wege der mit gegensätzlichen Bestrebungen und Ambitionen bestückten Jungen kreuzen sich immer wieder, angefangen bei Löckchens Mord an Buscapés Bruder über die gewaltsame Einverleibung des organisierten Drogenumschlages bis hin zu einem blutigen Bandenkrieg, in dessen Wirren der aufstrebende Photograph den Ruf Dadinhos und seines Gefolges an die Presse tragen soll.

Über mehr als zwei Jahrzehnte folgt „City of God“ in seinem narrativ verschachtelten Gefüge dem episodenhaft verschmolzenen Schicksalsgeflecht seiner zahlreichen Protagonisten. Dieser charakterlichen Unübersichtlichkeit zum Trotze verliert der ehemalige Werberegisseur Fernando Meirelles zu keiner Zeit den erzählerischen Faden und verbindet meisterlich in überlappenden, sich zunehmend entwickelnden Rückblenden die einzelnen Erzählstränge zu einem packenden Gesamtkunstwerk. Dieses jedoch lässt streckenweise die notwendige Distanz zwischen objektiver Veranschaulichung und eindringlicher Unterhaltung vermissen, obgleich die von grausamer Nüchternheit durchzogenen Bilder diese durchaus anfechtbare Grauzone zumeist zu durchdringen vermögen.

Somit stellen sich zwar auf formaler Ebene Parallelen zum amerikanischen Genrekino eines Martin Scorsese ein, doch präsentiert sich „City of God“ in der ungeschliffenen Härte seiner Bildsprache eher gleichgestellt mit Werken wie „Menace II Society“. Dafür mussten Fernando Meirelles und sein Team bereits ein halbes Jahr vor Drehbeginn aus mehr als 2.000 Slumbewohnern geeignete Darsteller auswählen und auf die folgenden Arbeiten vorbereiten. Dieser überwiegende Einsatz von Laienschauspielern prägt die Authentizität und die Glaubwürdigkeit in hohem Maße und ermöglichte Meirelles durch die Schaffung von Jobs in den Vororten die unbehelligte Freiheit, an den von Kriminalität und Drogen beherrschten Originalschauplätzen zu drehen.

Lohn dieser Strapazen fand sich im weltweitem Kritikerlob und Publikumsanklang, was „City of God“ obendrein eine Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film einbrachte. Die brillante Bebilderung und die hohe Aussagekraft allein wären diese Entlohnung bereits wert gewesen, doch erzeugt das cineastische Kleinod mit streitbaren Inhalten durchaus vermeidbare Kontroversen. Anhand der Tatsache, dass das heimische Soulsternchen Xavier Naidoo die deutsche Synchronisation Buscapés übernahm, spiegelt sich überdies auch das rege Interesse der hiesigen Medien an „City of God“ wider. So zieht sich unter diesem beeindruckenden Spagat aus anprangernder Gesellschaftskritik und ästhetisierter Heroisierung ein stetes Band aus ergreifender Kunst und ansprechender Unterhaltung, handwerklich famos und gleichzeitig inhaltlich durch streitbare Konventionen geprägt.

Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

Ähnliche Beiträge

  • Wrong Turn 5: Bloodlines (USA 2012)

    So lange sich mit etablierten Horrorfilm-Figuren moderate Gewinne einfahren lassen, werden diese auch am Leben gehalten. Oder eben im Prequel-Modus reanimiert. Von der deformiert-degenerierten Menschenfresser-Hinterwaldsippe aus „Wrong Turn“ war nach der zweiten Videotheken-Fortsetzung des Originals nur noch einer übrig. Folglich griffen die Produzenten mit Teil vier in der Zeit zurück und rollten den blutigen Werdegang…

  • Voll auf die Nüsse (USA/D 2004)

    Der Name des neuen Streichs von Ben Stiller verspricht das, was auch bereits einige seiner letzten Werke der Marke „Verrückt nach Mary“, „Und dann kam Polly“ oder „Zoolander“ hielten. Stumpfsinnige, banale und häufig unter die Gürtellinie zielende Unterhaltung, von der die Menschheit scheinbar nie genug bekommen kann. Zudem ist sich der zwischendurch zumindest immer noch…

  • Porn Horror Movie (USA 2008)

    Es müssen nicht immer Vampire, Zombies oder maskierte Wahnsinnige sein! In der absurden Welt des Horrorfilms kann so ziemlich alles zur rücksichtlosen Killermaschine mutieren. Eine kleine Kostprobe? Wir hatten mordende Rucksäcke, psychopathische Kondome, bestialische Rasenmäher, barbarische Tomaten, wildgewordene Aufzüge, grausame Häslein, mordgierige Autos und Motorräder, besessene Stehlampen, meuchelnde Kühlschränke und ähnlich abstruses Zeug. Normalsterbliche unter…

  • Arena (USA 2011)

    Offenbar braucht Samuel L. Jackson dringend Geld. Anders ist seine Mitwirkung im strunzdummen Actionfilm „Arena“ kaum zu erklären. Unsägliche Ausreißer gab es in der Vita des lässigen Mimen zwar bereits in der Vergangenheit – man entsinne sich allein „The Spirit“ –, Schund dieses Kalibers ist aber hoffentlich kein Indiz für ausbleibende Angebote in qualitativ respektablen…

  • Die Tiefseetaucher mit Steve Zissou (USA 2004)

    Wes Anderson hat ein Erfolgsrezept: Man nehme einen Haufen fantastischer Darsteller, völlig schräge Kostüme und ein Drehbuch, das vor abstrusen Ideen nur so strotzt. Der nun entstandene Film wird zwar nur von etwa einem drittel der Kinogänger gemocht werden, deren penetrantes Lachen wird allerdings den Rest des Saales ausfüllen. Der Rezensent versteht sich als einer…

  • Barb Wire (USA 1996)

    Pamela Anderson (Lee), die Frau, die allgemein als wandelndes Synonym für formvollendete Ansaugstutzen in die Historie eingehen durfte, ist „Barb Wire“. Am Anfang sehen wir sie bei der Tätigkeit, die sie am besten beherrscht – der Präsentation ihres Körpers. Auf der Bühne ihrer eigenen Bar legt sie einen Striptease aufs Parkett und lässt sich aus…