Chiko (D 2008)

chiko„Dein Kopf sieht aus wie ‘ne Fotze, zieh dir mal ‘ne Mütze über“ – Brownie

Mit seinem Debütfilm „Kurz und Schmerzlos“ startete der Hamburger Filmemacher Fatih Akin 1998 eine große Karriere, deren vorläufigen Höhepunkt der 2004 veröffentlichte „Gegen die Wand“ bildete. In eine ähnliche Richtung wie Akins erste Milieustudie geht auch der Debütfilm „Chiko“ von Özgür Yildirim, der den Aufstieg und Fall eines jungen Kriminellen zeigt. Fatih Akin selbst war als Produzent tätig. Abermals ist Hamburg der Schauplatz der Illegalität. An die Intensität von Akins Spielfilmdebüt kommt „Chiko“ allerdings nicht heran, aus sehr einfachen Gründen.

Mit Kleinigkeiten möchte sich der Nachwuchskriminelle Chiko (Denis Moschitto) nicht mehr abgeben. Das große Geschäft ist sein Ziel. Aus diesem Grund ziehen er und sein bester Freund Tibet (Volkan Özcan) einen kleinen Dealer ab, der für den hiesigen Drogenboss Brownie (Moritz Bleibtreu) arbeitet. Als dieser Chiko zu einem klärenden Gespräch bittet, kann Chiko Brownie überzeugen, auf ihn zu setzen.

Der erste Auftrag entwickelt sich jedoch zum Fiasko. Tibet zweigt Hasch ab und verkauft dieses auf eigene Faust, um von dem Geld seiner kranken Mutter eine neue Spenderniere besorgen zu können. Brownie kommt allerdings dahinter und zeigt Tibet eindeutig seine Grenzen auf und zertrümmert dessen Fuß. Chiko will die Sache auf seine Art regeln, doch statt Brownie umzulegen, lässt er sich von diesem überreden, weiter für ihn zu arbeiten. Dies bringt zwangsläufig Zwist zwischen die beiden Freunde, doch Chiko lässt sich von seinem raschen Aufstieg blenden. Als Tibet jedoch auf eigene Faust Rache an Brownie nehmen will, spitzt sich auch für Chiko die Lage zu.

Mit „Chiko“ hätte Özgür Yildirim ein ebenso großartiger Film wie „Kurz und Schmerzlos“ gelingen können. Können, denn leider versagt der Film bei der Darstellung seiner Hauptfigur. Sein Leben bleibt schlichtweg im Dunkeln. Über seine Vergangenheit erfährt man nur wenig, seine aktuellen Bestrebungen bleiben ebenso im Unklaren. Der Aufstieg wird im Film binnen einer anderthalbminütigen Bildmontage im „Scarface“-Stil erzählt. Ein eigenes Lokal, eine riesige Wohnung, all das scheint quasi über Nacht zu entstehen. Das aber ist nur ein Beispiel von vielen. Warum er ein Kind hat, warum keinen Kontakt zu seiner Ex, wie seine kriminelle Vergangenheit aussieht, all das bleibt unbeantwortet. Da hat es die Figur des Tibet fast schon einfacher. Seine Motive sind relativ klar. Aber er steht eben nicht im Mittelpunkt.

Überzeugen kann der Film dagegen auf darstellerischer Seite. Denis Moschitto zum Beispiel ist großartig. Bestimmend und selbstbewusst tritt er auf, kann aber auch in den emotionaleren Momenten des Films stets überzeugen. Ein deutlich positives Ausrufezeichen hinterlässt auch Volkan Özcan, dessen Verzweiflung für den Betrachter greifbar und verständlich ist. Moritz Bleibtreu agiert wie gewohnt auf hohem Niveau, einmal von der Leine gelassen, ist der Schauspieler nicht mehr zu bremsen. Den Spaß, den er bei der Rolle hatte, ist ihm deutlich anzusehen. Sprachlich wirkt der Film vor allem anfangs sehr klischeehaft, was im weiteren Verlauf aber abnimmt und sich relativiert. Die Gewalt hingegen kommt schnell und heftig, ohne aber ins Zentrum des Films zu rücken. Das wirkt alles durchaus authentisch und packend, aber ein leichtes Magengrummeln bleibt trotzdem. Denn hier wäre einfach mehr drin gewesen, hätte man sich für die Ausarbeitung und Skizzierung der Hauptfigur nur etwas mehr Zeit genommen.

Wertung: (6,5 / 10)

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