Chicago (USA/D 2002)

chicagoSeit Jahren schon wird das Genre des Musicals von Kritikerseite totgesagt. Dass Totgeglaubte jedoch bekanntermaßen eine weitaus längere Lebensspanne aufweisen, als hinlänglich behauptet, bewahrheitete sich wohl in den seltensten Fällen mehr als in diesem. Denn immerhin zieht beinahe kein Jahr an der Menschheit vorüber, in dem nicht eine weitere gefilmte Revuenummer das Licht weltweiter Leinwände erblickt. So wurde durch Filme wie „Alle sagen: I Love You“, „Moulin Rouge“ oder „8 Frauen“ immer wieder frisches Blut in die Kunstform Musical gepumpt. Dieser Trend setzt sich nun mit der kongenialen Kinoadaption von Bob Fosses Tony Award-prämiertem Broadway-Klassiker „Chicago“ aus dem Jahre 1975 fort.

Im Chicago des Jahres 1929 herrschen ruppige Zeiten. So entledigt sich die Hausfrau Roxie Hart (Renée Zellweger) kurzerhand ihres Liebhabers, weil dieser nicht wie versprochen ihre Showgirl-Ambitionen unterstützte. Roxie landet im Knast, wo Nachtclubsirene Velma Kelly (Catherine Zeta-Jones), kaltblütige Doppelmörderin ihres Mannes und ihrer Schwester, das unangefochtene Starlet Nummer eins verkörpert. Mit Hilfe ihres einfältigen Gatten Amos (John C. Reilly) und der Gefängnisdirektorin „Mama“ Morton (Queen Latifah) gewinnt Roxie den gewieften Staranwalt Billy Flynn (Richard Gere) als Verteidiger. Doch vertritt der windige Rechtsverdreher auch das Bühnensternchen Velma, die beim anschließenden Kampf um prestigeträchtige Schlagzeilen schon bald den Kürzeren zieht. Eine steile Karriere vor Augen, wähnt sich Roxy bereits in Freiheit. Doch geht den sensationsgierigen Journalisten nichts über frisches Blut an Chicagos schmutziger Weste.

Dem versierten Choreographen und Theaterregisseur Rob Marshall („Annie“) ist mit „Chicago“ eine packende Umsetzung des gleichnamigen Musical-Knüllers gelungen. Dabei wird das Publikum von Beginn an durch eine flüssige Bilderflut und rasante Schnittfolgen in seinen Bann gezogen. Darüber hinaus serviert Marshall eine ungewohnt düstere und hintersinnige Geschichte, in dessen Zuge statt auf heile Welt und fröhliche Lieder voll auf abgedunkelte Kulissen und eine vor Zynismus strotzende „Sex & Crime“-Story gesetzt wird. Dieser wundervoll in Szene gesetzte Krimiplot erfährt beeindruckende Unterstützung durch die 14 verschiedenen Revuenummern des Filmes, allesamt mit großem Aufwand und ohne Rücksicht auf die Sanges- und Tanzfähigkeiten der Darsteller mit deren Originalstimmen umgesetzt.

So überrascht es kaum, dass Richard Gere („Zwielicht“) und vor allem Renée Zellweger („Jerry Maguire“) so manchen Ton passieren, ohne ihn zu treffen und das letzterer auch die Tanzeinlagen einiges Kopfzerbrechen bereitet haben dürften. Doch besitzen diese konsequenterweise integrierten künstlerischen Abstriche schlicht Charme und versprühen ganz nebenbei eine Art ungewollten Realismus. Jener findet sogar noch Verstärkung durch die perfekte Symbiose aus darstellerischer Kunst und dem im positiven Sinne gesanglichen Unvermögen eines überwiegenden Teiles der Darsteller. Catherine Zeta-Jones („Traffic“) wirkt dabei, als hätte sie außer Singen und Tanzen nie etwas anderes getan, während Queen Latifah („Sphere“) aus ihrer musikalischen Herkunft endlich auch auf der Leinwand Kapital schlagen kann.

John C. Reilly („Gangs of New York“) blüht in der Rolle des Duckmäusers Amos sichtlich auf. Weiterhin bereichern Lucy Liu („Drei Engel für Charlie“) und Taye Diggs („Way of the Gun“) den Cast. „Chicago“ ist wunderbar bissige Medien-Satire, grandioses Tanztheater und mitreißendes Schauspiel, obendrein fulminant besetzt bis in die kleinste Nebenrolle. Verdientermaßen konnte der Film bei der diesjährigen Verleihung der Golden Globes auch drei der renommierten Auszeichnungen einheimsen, wobei Regisseur Rob Marshall für das beste Musical, sowie die Darsteller Richard Gere und Reneé Zellweger die prämierten Würdenträger stellten.

Für das Skript zeichnete sich „Gods and Monsters“-Autor und Regisseur Bill Condon verantwortlich, während Tim Burton-Hauskomponist Danny Elfman den stimmigen Score erdachte. Mit 13 Oscar-Nominierungen ins Rennen geschickt, braucht sich „Chicago“ nicht zuletzt auch wegen des rentablen Einspielergebnisses in den USA von rund 115 Millionen Dollar keinerlei Existenzängste ausgesetzt zu betrachten. Denn immerhin hat die Revue damit auch das ewig am Abgrund strauchelnde Genre des Musicals ein weiteres Stück ins Leben zurückgeholt.

Wertung: (8 / 10)

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