Cass – Legend of a Hooligan (GB 2008)

cass-legend-of-a-hooligan„The only culture I got is West Ham fucking United.“ – Cass

In der Karibik mag der Name Carol auch bei Männern verbreitet sein. Nur hat sich das nicht bis ins England der Neunzehnsechziger herumgesprochen. Doch ist Carol nicht nur wegen seines Namens dem Spott anderer Kinder und auch Erwachsener ausgesetzt, sondern vor allem wegen seiner Hautfarbe. Als Sohn einer jamaikanischen Immigrantin wird er 1958 in London geboren – und nur wenige Wochen später in ein Waisenhaus gegeben. Doll Pennant (Linda Bassett, „Der Vorleser“), eine weiße Frau in ihren Fünfzigern, nimmt den schwarzen Jungen bei sich auf. Das Gerede der Leute ist ihr egal.

Der Hänseleien überdrüssig nennt sich Carol irgendwann Cass, in Anlehnung an Box-Champion Cassius Clay. Seinem Wesen scheint dies zu entsprechen, begegnet er der sozialen Ausgrenzung doch mit Gewalt. Als er im Teenageralter zu den Hooligans von West Ham United stößt, fühlt er sich erstmals respektiert. Der Beginn eines unrühmlichen Werdegangs, der Cass zu einem der berüchtigsten Fußballschläger Englands macht. In der Thatcher-Ära ist der Frust so groß wie die Arbeitslosigkeit. Dampf ablassen können ´Maggie’s Millions´, wie das Heer der Erwerbslosen genannt wird, auf den Stadionrängen oder in den Straßen, wo verfeindete Anhängerschaften ohne Skrupel aufeinander einprügeln.

Als erster Hooligan wandert Cass, nuanciert gespielt von Nonso Anozie („RocknRolla“), in den Knast. Dort erfährt er ob seinem mangelnden Bewusstsein für die eigenen Wurzeln auch von schwarzen Mitgefangenen Ausgrenzung, schreibt seine (bei der Entlassung konfiszierte) erste Biographie und festigt seine Bande zu Geschäftsmann Ray (Tamer Hassan, „Layer Cake“). Für den arbeitet er nach Verbüßung der Haftstrafe, um seine schwangere Freundin Elaine (Natalie Press, „50 Dead Men Walking“) versorgen zu können. Nur holt ihn die gewalttätige Vergangenheit immer wieder ein.

Mit „Cass“ hat Jon S. Baird ein nicht gerade tiefschürfendes, aber doch durchweg mitreißendes und vor allem überzeugend gespieltes Drama geschaffen. Die Parallele, die der deutsche Verleih New KSM zu thematisch ähnlich gelagerten Werken wie „Footsoldier“ ziehen zu wollen scheint, erweist sich als haltlos. Die auf Cass Pennants eigenen Schilderungen basierende und mit Zeitkolorit stützenden Archivaufnahmen versehene Verfilmung seines Lebens widmet sich weniger dem Dasein als Hooligan im kriminell organisierten Umfeld, sondern vielmehr der Suche nach Identität und Persönlichkeit. Der um differenzierte Töne bemühte Film ist mehr Charakter- denn Milieustudie und bietet trotz erzählerischer Freiheiten eine am Ende verblüffend simple Moral. Der tendenziellen Glorifizierung von Straßengewalt entsagt Baird damit überdeutlich.

Wertung: (7 / 10)

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