Carnivále (Season 1) (USA 2003)

carnivale-season-1„Before the beginning, after the great war between Heaven and Hell, God created the Earth and gave dominion over it to the crafty ape he called man. And to each generation was born a creature of light and a creature of darkness. And great armies clashed by night in the ancient war between good and evil. There was magic then, nobility, and unimaginable cruelty. And so it was until the day that a false sun exploded over Trinity, and man forever traded away wonder for reason…”

Im Jahre 1934 liegt die Weltwirtschaft am Boden. Hoffnung gibt es kaum, Arbeit gibt es keine. An einem Tag wie jeder andere stirbt die Mutter des jungen Ben Hawkins (Nick Stahl, „Terminator 3“) in der Einöde des Oklahoma Dust Bowl. Von der Bank enteignet und von der Polizei gesucht, erweist sich eine vorbeifahrende Schaustellertruppe unter der Leitung des kleinwüchsigen Samson (Michael J. Anderson, „Mulholland Drive“) als Hawkins Rettung. Nur wiederwillig fügt sich der Findling in die illustre Gemeinschaft aus Freaks, Sonderlingen und Handwerkern, erfährt Misstrauen wie gleichwohl Zuneigung. Nicht ohne Grund wie sich bald herausstellt, war der Zwischenstopp des Carnivále in Oklahoma doch alles andere als Zufall.

Denn Ben verfügt über außergewöhnliche Kräfte, die für ihn mehr Fluch als Segen darstellen. Des nächtens befähigt sich eine unheimliche Macht seines Geistes und quält ihn mit albtraumhaften Schreckensvisionen, in denen dem einstigen „Carny“ Henry ´Hank´ Scutter (John Savage, „Der schmale Grat“) erhebliche Bedeutung zukommt. Neben dem blinden Seher Professor Lodz (Patrick Bauchau, „Panic Room“) scheint Hawkins auch für das gesichtslose Management (mit der Stimme der unkreditierten Oscar-Preisträgerin Linda Hunt) von nachhaltigem Interesse zu sein.

Zwischen John Steinbeck, Tod Browning und David Lynch zeichnet „Carnivále“ das dramatische Bild der großen Depression am Beispiel einer absonderlichen Schaustellertruppe – und knüpft darin die fesselnde wie virtuos erzählte Geschichte eines grandiosen Mystery-Thrillers. In einem parallelen Handlungsstrang wird das Schicksal des Priesters Justin Crowe (Clancy Brown, „Starship Troopers“) und dessen älterer Schwester Iris (Amy Madigan, „Pollock“) gesponnen. Im fernen Kalifornien wird der Geistliche von ähnlichen Visionen wie der junge Ben Hawkins heimgesucht. Doch was auf den ersten Blick wie ein Zeichen Gottes erscheint, entpuppt sich allmählich als wachsende Gefahr, birgt die Vergangenheit der Geschwister Crowe doch den Schlüssel zu einem dunklen Geheimnis.

Die treibende Kraft hinter „Carnivále“ ist deren Erfinder David Knauf („Wolf Lake“), der zugleich als ausführender Produzent und Autor fungiert. Die wechselnden Regisseure – darunter Jack Bender („Chucky 3“), Todd Field („In the Bedroom“), Tim Hunter („Control“) und Peter Medak („Species 2“) – stehen trotz durchgängig guter Leistungen hinter dem Konzept der Serie zurück, die verschachtelte narrative Struktur lässt schlicht keinerlei Raum für kreative Individualismen. Dabei verfügt die Reihe über eine extraordinäre Atmosphäre, die von der sandigen Farbgebung und der matten Optik glänzend untermalt wird.

Die sich allmählich, im Stile eines Mosaiks, vollziehenden Charakterisierungen der Figuren gewinnen durch die glänzenden Darbietungen der vortrefflichen Besetzung zunehmend an Komplexität. Allen voran Clea DuVall („The Grudge“) füllt die Rolle der Kartenlegerin Sofie im Verlauf der zwölf Episoden mit einer für Fernsehspiele schier beispiellosen Intensität. In weiteren Rollen brillieren John Carpenter-Veteranin Adrienne Barbeau („The Fog“), Tim DeKay („Password: Swordfish“), Debra Christofferson („Weißer Oleander“) und Diane Salinger („Ghost World“).

Die größte Stärke der Serie ist es, ohne Verlust der Spannung vom Mysteriösen auf das Menschliche zu blicken. In meist kurzen Episoden wandert der Fokus über die Figuren, bleibt temporär auf verschiedenen „Carnys“ hängen oder spinnt die Geschichte von Ben und Bruder Justin fort. Der Reiz von „Carnivále“ liegt dabei in der Unberechenbarkeit des vielschichtigen Plots. Über kleine Katastrophen, Schicksalsschläge und Erkenntnisse steuert die Staffel auf ihre dramatische Klimax zu. Und diese wird den ohnehin zum zerreißen gespannten Zuschauer nicht nur mit mehreren losen Handlungssträngen und unzähligen offenen Fragen allein lassen, sondern verabschiedet sich überdies mit einem geradezu sensationellen Cliffhanger, der die Wartezeit auf Staffel 2 schier unerträglich gestalten wird.

Bei den letztjährigen Emmy-Verleihungen wurde „Carnivále“ in gleich fünf Kategorien mit dem begehrten Fernsehpreis ausgezeichnet. Neben der außergewöhnlichen Ausstattung und der Kamera wurden die Kostüme, das Hairstyling und die Gestaltung der eindrucksvollen Titelsequenz geehrt. Nach Erfolgsserien wie „Sex and the City” und „Six Feet Under“ ist „Carnivále“ das nächste seriale Großereignis des US-Senders HBO. Die zweite Staffel wurde in den USA bereits ausgestrahlt, über eine dritte wird derzeit verhandelt. Wie auch immer es mit Knaufs grandioser Allegorie auf die große Depression weitergehen wird, in der Ära nach „Twin Peaks“ stellt „Carnivále“ schon jetzt alles vergleichbare in den Schatten.

Wertung: 9 out of 10 stars (9 / 10)

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