Cargo – Da draußen bist du allein (CH 2009)

cargo-da-draussen-bist-du-allein„Im Weltraum ist es so kalt, das kannst du dir gar nicht vorstellen.“ – Laura

Toblerone und Käsefondue, hohe Berge und unverständlicher Kauderwelsch, DJ Bobo und Wilhelm Tell – Begriffe, die die meisten Normalsterblichen unverzüglich mit dem schönen Alpenland Schweiz assoziieren. Wem käme aber ein Science-Fiction-Film in den Sinn, mit gigantischen Raumschiffen, philosophisch angehauchter Story und sogar einem wohldosierten Action-Anteil? Ivan Engler, der zuvor noch keinen abendfüllenden Film gedreht hat, hatte genau diesen Einfall. Doch es sollten Jahre vergehen, ehe sein Traumprojekt endlich im Kasten war.

Schon im Jahre 2000 fing die mühselige Produktion des Films an, da neben den schwer aufzutreibenden Fördermitteln unter anderem das Produktionsdesign eine mörderische Aufgabe darstellte, die drei lange Jahre in Anspruch nahm. Dafür wurden auf drei Etagen der Oberwinterthurer Studios auf insgesamt 3000m³ etwa 80 Tonnen Material benötigt, um die eindrucksvolle Raumschiffkulisse realistisch darstellen zu können. Gleich vorweg, der technische Aufwand hat sich allemal gelohnt. Doch worum geht es eigentlich im ersten schweizer Weltraumfilm?

Das Weltall. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2237 und die Erde ist mal wieder nach einen Ökokalypse unbewohnbar. Der Mensch hat aber schon andere Planeten gefunden, die der guten alten Erde ähneln und wo der Fortbestand der menschlichen Rasse gewährt bleibt. Rhea ist so ein Gestirn, der fünf Lichtjahre, also grade mal poppelige 4,73036524 × 1013 Kilometer von Mutter Erde enfernt ist – aber dafür paradiesisch schön. Dass sich den Flug zur Weltraum-Oase nicht jedermann leisten kann, verwundert nicht. Der Großteil der übriggebliebenen Menschen fristet demnach auf gigantischen Raumschiffen ein trostloses Dasein.

Die junge Ärztin Laura (Anna-Katharina Schwabroh), deren Schwester Arianne (Maria Böttner) schon auf Rhea lebt, will sich das nötige Kleingeld für den Flug auf dem verwahrlosten Raumfrachter Kassandra verdinenen, der Materialien zur Station 42 in der ebenso weit entfernten Pegasus-Galaxie transportiert. Während die Crew die lange Reise im Kälteschlaf verbringt, muss eine Person stets zur Überwachung wach bleiben. Während Lauras Schicht geschehen auf der riesigen Raumfähre allerdings merkwürdige Dinge: sie glaubt mindestens einen anderen aktiven Menschen am Bord gesehen zu haben. Daraufin weckt sie die Crew, unter anderem auch den Skymarshall Samuel Decker (Martin Rapold), der wegen androhender Terrorgefahr mitfliegen muss.

Bald wird klar, dass manches Crewmitglied ein falsches und gefährliches Spiel treiben muss. Doch Laura lässt sich nicht kleinkriegen und kommt der erschreckenden Wahrheit über die Fracht, Rhea und die Fortdauer der menschlichen Zivilisation auf die Spur. Dass die den Kosmos bereisenden Sternenkreuzer nicht immer gemütlich wie die Enterprise oder der Ferienkreuzer aus „Das fünfte Element“ sein können, haben wir schon zu genüge in anderen Filmen sehen dürfen. Die Nostromo aus Ridley Scotts „Alien“ oder die „Event Horizon“ dürften allgemein als Paradebeispiele der nicht unbedingt komfortablen Raumfahrt durchgehen. Doch so intensiv wie in „Cargo“ wurde die schonungslose Unbehaglichkeit des kalten Himmels nur selten vermittelt.

Wenn sich Laura in ihr karges Quartier zurückzieht, um ihrer Schwester, die unvorstellbar weit weg im Gefilde der Seligen zu leben scheint, eine Videobotschaft zu schicken, ist für den Zuschauer die Verzweiflung in ihrer Stimmme und die Kälte in ihren Knochen fast physisch spürbar. In dieser inhumanen Umgebung muss die junge Ärztin feststellen, dass die Wahrheit um die Zukunft der Menschheit eine dreiste Lüge ist. Diese wahrlich kosmische Verschwörung, die sie dank der Hilfe von Samuel aufdeckt, erfindet das Rad sicherlich nicht neu und wurde in der Filmgeschichte schon des Öfteren verwendet (prominentestes Beispiel: die „Matrix“ Trilogie), doch zum ohnehin schon düsteren Tenor des Films passt sie ausgezeichnet.

Welche Mittel sind dem Menschen im seinem existenziellen Kampf, in seinem Drang nach Fortbestehen, erlaubt? Wie weit darf man gehen, um den Status Quo aufrecht zu erhalten? Darf der Mensch in eine vorgegaukelte Wirklichkeit eintauchen, nur um sein zu können, ohne wirklich zu sein? In Zeiten von Second Life und Facebook sicherlich interessante Denkanstöße, die hier erwartungsgemäß verteufelt werden. Auf der darstellerischen Seite haben wir neben den menschlichen Schauspielern (von der ausdruckstarken Anna-Katharina Schwabroh als zweifelnde Ärztin bis hin zu Claude-Oliver Rudolph als widerstrebenden Techniker Prokoff) einen weiteren heimlichen Star: Kassandra, das Raumschiff selbst.

Debütant Engler lässt es sich nicht nehmen, sein imposantes Setting immer wieder in nicht minder eindrucksvolle Bilder zu verpacken. Und so viel sei gesagt: Nach den Strapazen, die er während des Entstehungsprozesses über sich ergehen lassen musste, kann ihm das niemand krumm nehmen. Summa Summarum lässt sich sagen, dass der erste schweizer Science-Fiction-Film rundum gelungen ist. Mit 5 Millionen schweizer Franken, umgerechnet etwa 3,5 Millionen Euro, hat der Regisseur wirklich ansehnliches Genrekino geschaffen. Eine intelligente Story trifft auf hohe Schauspielkunst und wirklich gelungene SFX. Mit diesem Mini-Budget hätte ein gewisser Herr Bay übrigens noch nicht einmal die Kosten für das Marketing seines neuen Werkes abgedeckt. Ich wollt’s nur gesagt haben. Mal wieder.

Wertung: (7 / 10)

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