Buenos Aires, 1977 (ARG 2006)

buenos-aires-1977Der Mensch ist zu allem fähig. Vor allem dann, wenn jede Perversion von einem autoritären Staatssystem gestützt und toleriert wird. Beispiele gibt es viele, das Terrorregime der Junta in Argentinien ist nur eines. Von 1976 bis 1983 wurden potentielle Aufrührer und Oppositionelle mit aller Härte verfolgt, eingesperrt, nicht selten ermordet. Folter wurde zum Sprachrohr des mit Willkür agierenden Polizeistaates. In der entmenschlichenden Pein wurde Denunziation zum Selbstzweck. Oft auf Kosten Unschuldiger. Solch einen Fall schildert „Buenos Aires, 1977“.

In jener Stadt, in jenem Jahr wird Fußballtorwart Claudio Tamburrini (Rodrigo De la Serna, „Die Reise des jungen Che“) von der Geheimpolizei verschleppt. Er wird in eine auswärtige Villa gebracht, wo er mit drei Schicksalsgenossen gedemütigt, verhört und misshandelt wird. Er soll einer Untergrundorganisation angehören, Flugblätter gedruckt haben. Seine Unschuld interessiert die Peiniger nicht. Jemand hat seinen Namen ausgespuckt, also wird der Spur nachgegangen. Mit barbarischer Grausamkeit. Nach 120 Tagen der Entmenschlichung, der Todesangst, wagen die vier die Flucht. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.

Nach wahren Begebenheiten rekonstruiert Regisseur Adrián Caetano („Der rote Bär“) den Leidensweg der vermeintlichen Staatsfeinde. Das Ende nimmt er vorweg, indem via einleitender Texttafel deutlich gemacht wird, dass die umschriebenen Personen im Zeugenstand an der Aufarbeitung des totalitären Machtapparates beteiligt waren. Mit diesem Wissen steigt die Hoffnung. Doch der Weg ans narrativ offene, wiederum durch abschließende Zeilen untermauerte Ende ist ein zehrender. Die Anteilnahme des Zuschauers ist groß. Er ist der Marter ebenso ausgeliefert wie die Opfer selbst.

Mit der schlussendlichen Flucht steigt zwar die Spannung, doch steuert Caetano den Plot nicht in Richtung einer konventionellen Erzählkultur. Vielmehr verdichtet er das Politische im Persönlichen. Dem Blick von außen wird der eindringlichere aus dem Innern vorgezogen. Dazu braucht es keine mahnenden Worte. Die Bilder der Gräueltaten allein, und seien sie auch meist nur angedeutet, setzen ein deutliches Zeichen. Gerade weil der Mensch zu allem fähig ist, bedarf es mitunter der Erinnerung daran. Denn weder die Grausamkeit der Junta, noch ihre Opfer dürfen je vergessen werden.

Wertung: (8 / 10)

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