Brüno (USA 2009)

bruenoDas Spiel mit Fassungslosigkeit und Entsetzen, Fremdscham und entlarvenden Tabubrüchen ist das Erfolgsrezept von Sacha Baron Cohen. Mit seinen Kunstfiguren hält der britische Komiker der (nicht allein) amerikanischen Gesellschaft einen Spiegel vor, der sie als unbequeme Fratze implementierter Vorurteile und kultureller Selbstherrlichkeit reflektiert. Zwei Jahre nach dem kasachischen Reporter Borat zieht nun der schwule Österreicher Brüno aus, interkontinentale und geschmackliche Grenzen zu überschreiten.

War die Groteske bei „Borat“ aber für die unwissenden Probanden jener soziologisch realsatirischen Versuchsreihe zumindest durch eine ansatzweise faire Chance geerdet, sich nicht automatisch dem Zuschauerspott auszusetzen, bleibt „Brüno“ lediglich eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Der wiederum von Larry Charles („Religulous“) gedrehte Film sagt nur das aus, wofür die maßlos überspitzte Figur des nach Weltruhm strebenden Homosexuellen in einer spezifischen Szene gerade stehen will.

Am Anfang ist es die Modewelt, der Cohen mit Klettanzug und Tollpatschigkeit die Fassade des schönen Scheins entreißt. Zu entlarven aber gibt es dort nichts. Diese einleitende Episode, die das Ende von Brünos TV-Reihe „Funkyzeit“ bedeutet, dient nur des kaltschnäuzigen humoristischen Warmlaufs. In Los Angeles will er fortan richtig durchstarten und der berühmteste Österreicher seit Hitler werden. Also versucht er sich als tanzender (und Pimmel-schwingender) Moderator, als Schauspieler und Weltverbesserer.

Doch ist es gleichgültig, ob Cohen nun das Testpublikum eines Fernsehsenders mit zu Sitzgelegenheiten degradierten Mexikanern oder einem sprechenden Genital schockt, ob er in „Mittelerde“ (dem nahen Osten) politische Konflikte mit Händchenhalten und selbstkomponierten Liedern beizulegen gedenkt oder ein afrikanisches, gegen ein iPod getauschtes Baby (OJ genannt) auf einem Foto kreuzigen lässt. Dem gewollt anstößigen Schlingerkurs episodischer Revuenummern fehlt es bei allem Spaßgehalt schlicht an einem erkennbaren Ziel.

Selbst die homophoben Vorurteile werden nur dadurch verifiziert, dass Brüno sie in seiner lustvollen Überstrapazierung regelrecht forciert. Natürlich ist das Streben nach Starruhm ein Strohfeuer der Eitelkeit, sicher ist der Einsatz für Frieden und Menschenrecht auch ein Stück weit Selbstvermarktung. Für diese Einsicht, ohnehin längst Gewissheit, braucht es aber keinen Brüno. Zumal Charles und Cohen die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion bewusst verschwimmen lassen. Unter diesem Beigeschmack der Eigen-PR bleibt dem Zuschauer das Lachen einfach zu selten im Halse stecken.

Wertung: 6 out of 10 stars (6 / 10)

 

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