Brother (J/USA 2000)

brother-kitanoDer krummbeinige Japaner Yamamoto (Takeshi Kitano) läuft gedankenverloren eine Straße in Los Angeles entlang. Die traurigen Augen sind hinter einer Sonnenbrille verborgen, der Blick bleibt gesenkt. Ohne es zu registrieren, rempelt er den Afro-Amerikaner Denny (Omar Epps) an, dem daraufhin eine teure Flasche Wein aus den Fingern gleitet und auf dem Gehsteig zerschellt. Als Denny den Mann im schwarzen Anzug wutentbrannt zur Rede stellt, bückt sich dieser nach dem zersplitterten Flaschenhals und schlägt ihm jenen ins rechte Auge. Während der junge Mann geschockt auf das Blut an seinen Händen starrt, versetzt ihm der Japaner noch einen kräftigen Hieb in die Magengrube, bevor er seinen Weg fortsetzt. Willkommen in der Welt des Takeshi Kitano, einer Welt ohne Kompromisse. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse. Bei ihm sind die Menschen nicht von Grund auf schlecht, vielmehr machen sie aufgrund ihres Umfeldes Verbrechen und Gewalt zu ihrer Prämisse.

Ebenso wie der Yakuza Yamamoto, der im Zuge eines blutigen Bandenkrieges gezwungen ist, Tokio zu verlassen. Die Wahl seines Exils fällt auf Los Angeles, denn dort lebt sein Halbbruder Ken (Kuroudo Maki). Doch der ist wider Erwarten kein anständiger Bürger, sondern vielmehr ein kleiner Drogendealer, ein drittklassiger Laufbursche. Als Ken in Konflikt mit der ansässigen mexikanischen Mafia gerät, löst Yamamoto das Problem auf seine Weise: Er erschießt die ganze Bande und übernimmt deren Territorium. Das wiederrum erregt den Zorn einer Gruppe Afro-Amerikaner, die allerdings nach und nach ebenfalls ihr Leben lassen müssen. Yamamoto gründet eine Gang, in der neben seinem Bruder noch dessen Freund Denny mitmischt. Doch mit steigender Macht erhöht sich auch die Zahl einflussreicher Feinde, so dass sich der Yakuza und seine Getreuen bald mit dem italienischen Mob konfrontiert sehen. Im Zuge eines blutigen Bandenkrieges ereilt die Gangster nach und nach ihr Schicksal, bis sich Yamamoto selbst einem Killerkommando gegenübersieht.

Der 53-jährige Regisseur und Schauspieler Takeshi Kitano ist in Asien ein absoluter Superstar. Das liegt allerdings weniger an seinen bislang neun Filmen, sondern vielmehr daran, dass er u.a. als Kolumnist, Komödiant, Sport-Kommentator, Autor von über 50 Büchern, Radiomoderator, Showmaster und Satiriker in Erscheinung tritt. Auf dieser Basis avancierte er in den 90ern zum erfolgreichsten und beliebtesten Entertainer Japans. Die rentable Fernseharbeit bringt ihm genug Geld, um unabhängige Filme fürs Kino machen zu können, ohne sich Konventionen unterwerfen zu müssen. Kitano eckt gern an, sei es als Satiriker oder Regisseur. Aber er besitzt nun einmal diese Freiheit und versteht es meisterlich, sie zu seinem Vorteil zu nutzen. Bester Beweis dafür ist der Gewinn des Goldenen Löwen beim Filmfest von Venedig 1997 für „Hana-Bi“, der ihm in Europa den Status eines absoluten Geheimtipps unter Filmfreunden einbrachte. „Brother“ ist Kitanos erste Regiearbeit in Amerika und gleichzeitig sein Empfehlungsschreiben.

Dass er im Endeffekt viele Motive seines Gangster-Melodrams „Sonatine“ aufgreift, mindert die Klasse des Films in keinem Moment. Kitano bleibt sich treu, verleugnet trotz amerikanischer Co-Produktion nicht seine Ideale als Filmemacher und kehrt nach „Hana-Bi“ und „Kikujiros Sommer“ wieder zur Thematik der Yakuza zurück. Dabei geht es diesmal mitunter noch brutaler zu als in seinen früheren Werken. Wer sich allerdings aufgrund dessen in einem genretypischen Ballerfilmchen wähnt, sei vorgewarnt, denn mit „Brother“ zelebriert „Beat“ Takeshi Art-Core-Kino der feinsten Sorte. Die Gewalt erscheint eher beiläufig, steht trotz zum Teil exzessiver Darstellung in Form von abgetrennten Gliedmaßen und spritzendem Hirn im Hintergrund. Dazwischen drosseln zahlreiche, fast meditative Augenblicke jegliches Erzähltempo, bieten für die dezent agierenden Darsteller, allen voran Kitano selbst, genug Raum für unaufdringliches Spiel voller andächtiger Schweigsamkeit. Eine Gefühlsleere, die lediglich von der aufkeimenden Gewalt unterbrochen wird und sich bis zum unvermeidlichen Ende ausbreitet.

Wie gehabt tritt der Filmemacher in Gestalt des Autors, Regisseurs und Hauptdarstellers in Erscheinung und zeigt sich obendrein auch wieder für den Schnitt verantwortlich. Einmal mehr verkörpert Kitano einen zum Tode verurteilten Mann, der seinem Schicksal mit fast übertriebener Gelassenheit entgegensieht. Er perfektioniert sein minimalistisches Spiel, das meist nur von einigen wenigen Gesten lebt und beispielsweise allein durch ein Zucken am Auge die innere Zerrissenheit Yamamotos nach außen kehrt. Unterstützt wird er dabei von bekannten Gesichtern, so z.B. Ren Osugi („Tokyo Eyes“), Ryo Ishibashi („Audition”), Susumu Terajima („Dead or Alive“) oder Omar Epps („Higher Learning“). Sicher keine leichte Kost, aber wer sich einmal auf den hypnotischen Mikrokosmos des Takeshi Kitano eingelassen hat, der wird sich der Faszination dessen sperriger Meisterwerke kaum mehr entziehen können.

Wertung: (7,5 / 10)

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