Borat – Kulturelle Lernung von Amerika um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen (USA 2006)

boratEs gibt Filme, die wandern haarscharf an der Grenze des guten Geschmacks. „Das Leben des Brian“ war und ist für gläubige Christen schwer erträglich, der Legende zu Folge starb Jim Henson, Erfinder der Muppets, nachdem er Peter Jacksons „Meet the Feebles“ gesehen hatte und von den kontroversen Diskussionen, die „Natural Born Killers“ und „Uhrwerk Orange“ hervorgerufen haben, muss man wohl gar nicht mehr sprechen. „Borat“ ist da anders: Der wohl rassistischste, antisemitischste, sexistischste und politisch inkorrekteste Film der letzten Jahre wird uneingeschränkt von Kritikern und Feuilleton gefeiert – und das völlig zu recht.

Erzählt wird die Geschichte von Borat Sagdiyev, (Sacha Baron Cohen, „Ali G.“) einem kasachischem Reporter, der sich im Auftrag seiner Regierung in die USA aufmacht, um die dortigen Menschen zu studieren. Zunächst erreicht er New York, macht sich jedoch bald zu einer Reise quer durch das Land auf – denn Borat hat sich verliebt. Auf der Reise zur Frau seines Herzens, der Badenixe Pamela Anderson, lernt Borat viel mehr, als er sich erträumt hatte und kann wahrlich den Ruhm der großen Nation Kasachstan mehren.

Es ist schon wirklich grausam, was Sacha Baron Cohen hier ans Tageslicht befördert. Eingebettet in eine eigentlich überflüssige, aber doch amüsante Rahmenhandlung lebt „Borat“ natürlich von einem: Den Interviews mit angeblich ganz normalen Amerikanern. Geschickt lockt Cohen Ressentiments gegen Juden, Sinti und Roma, Frauen oder Homosexuelle hervor – und lässt so seine Gesprächspartner herrlich auflaufen. Allerdings kann einem das Lachen schon mal im Halse stecken bleiben. Wenn ein Rodeoveranstalter lauthals fordert, Homosexuelle aufzuhängen, ein Waffenhändler Kaliber 44 zum Erschießen von Juden empfiehlt oder ein Gebrauchtwagenhändler 35 – 40 Meilen pro Stunde nahe legt, um eine Gruppe Zigeuner zu überfahren, dann ist das bei Licht betrachtet eigentlich in keinster Weise lustig. Ddoch durch Cohens unbedarfte Präsentation kann man sich das Lachen einfach nicht verkneifen, auch wenn einem beim Zuschauen schmerzhaft bewusst ist, dass man sich dafür eigentlich schlecht fühlen müsste.

Die große Leistung von Cohen und Regisseur Larry Charles beruht darauf, dass der Humor eben nicht auf dem Rücken der Minderheiten ausgelebt wird, sondern die vorhandenen Ressentiments in der westlichen Welt exemplarisch an den Amerikanischen festgemacht, hervorgeholt und so der Gesellschaft vorgehalten werden. Das macht „Borat“ zu einer glänzenden und äußerst vielschichtigen Satire. Anders als der seltsamerweise immer wieder zum Vergleich herangezogene Michael Moore ist „Borat“ keine Polemik, keine dokumentarische Argumentation, sondern eine unkommentierte Bestandsaufnahme – und damit deutlich schmerzhafter. Sacha Baron Cohen macht bei diesem Film alles das richtig, was er bei seiner Umsetzung von Ali G. falsch gemacht hat. Er bleibt dem dokumentarischen Grundformat treu, das seiner Figur zu Grunde liegt und inszeniert die Rahmenhandlung entsprechend.

„Borat“ ist ein erschreckendes, wichtiges und trotz allem extrem unterhaltsames Dokument unserer gesellschaftlichen Realität, die zum einen Political Correctnes predigt und gleichzeitig tief verwurzelte Ressentiments nicht überkommen kann. Man hat nach diesen 84 erfrischenden Minuten auch kein Mitleid mit Borats Opfern – weder mit dem Südstaatendevotionalienhändler, dem Cohen in bester Loriot’scher Manier den Laden zerlegt, noch mit den besoffenen Verbindungsburschis, die sich offen dafür aussprechen, Frauen wie Dreck zu behandeln und die Sklaverei wieder einzuführen. Einzig mit Pamela Anderson, der Borat am Ende des Films in Persona gegenüber steht leidet man mit. Was Cohen sich hier leistet, ist die vielleicht grausamste Szene, die in den vergangen Jahren auf Zelluloid gebannt wurde – und dabei so lustig, dass man vor Lachen Bauschmerzen bekommen kann. Wie der ganze Film eben.

Wertung: (9 / 10)

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