Blutrache – Dead Man´s Shoes (GB 2004)

dead-mans-shoes-blutrache„God will forgive them. He’ll forgive them and allow them into heaven. I can’t live with that.” – Richard

Filme wie Schläge in die Magengrube sind selten. Aufwühlende Filme, die auf plakative Schwarz-Weiß-Malerei verzichten und mit schonungsloser Offenheit weniger eine Geschichte erzählen, als vielmehr einer Zustandsbeschreibung nahe stehen. Mit „Dead Man’s Shoes” hat der britische Regisseur Shane Meadows („This is England“) 2004 ein Werk geschaffen, dass in seinem kargen Minimalismus und der daraus destillierten Intensität selbst beim Ansehen Schmerz bereitet.

Es ist ein Film über die Liebe eines Bruders. Und über die Rache eines Bruders. Dieser Bruder ist Richard (Paddy Considine, „Hot Fuzz“), der nach Jahren in der Armee in seine nordenglische Heimatstadt zurückkehrt und mit der Kraft eines Bulldozers über die drogenvernebelte Welt des lokalen Kleingangsters Sonny (Gary Stretch, „World Trade Center“) und seiner Kumpane hereinbricht. Nach kleinen Provokationen und Einschüchterungen verwandelt sich Richard in eine reißende Bestie. In der Folge hinterlässt er eine grausame Spur des Todes.

Meadows dreckiges Kleinod ist kein Revenge-Thriller im Stile von „Ein Mann sieht rot“ und trotz Ähnlichkeit zu Peckinpahs „Straw Dogs“ auch keine Studie über Ursache und Wirkung von Gewalt. „Dead Man’s Shoes“ ist das brillant gespielte Portrait kreisender Schuldgeständnisse. Dass sich dies im Falle von Richard in kaltblütiger Menschenverachtung äußert, ist dem Schicksal seines behinderten Bruders Anthony (Tony Kebbell, „Match Point“) zu schulden.

Das Skript, verfasst von Meadows und Hauptdarsteller Considine, sucht nicht nach Verständnis oder Sympathie für die grausamen Taten. Auch wird der Feldzug des ehemaligen Soldaten Richard nicht in exploitativen Unterhaltungsformen und reißerischer Explikation ausgeschlachtet. Vielmehr wird der Zuschauer zu Beginn in ungewissen Vorahnungen belassen und erst durch Rückblenden mit den auslösenden Geschehnissen konfrontiert. Die entscheidende Wendung und der damit verbundene Antrieb für die Blutrache sind schnell greifbar, deshalb in ihrer Wirkung jedoch nicht weniger intensiv.

In seiner Narration klug verschachtelt, sorgt neben dem famosen Soundtrack, der zu jeder Szene den passenden Klang findet, vor allem die spröde Bebilderung für triste Atmosphäre. Zwischen grieseligen Schwarz-Weiß-Montagen und der nüchternen Betrachtung der szenischen Abläufe vollbringt Danny Cohen („Creep“) hinter der verwackelten Kamera großes. Auf technischer Ebene erweist sich die nur 750.000 Pfund teure Produktion damit als ebenso auf das Wesentliche beschränkt wie im Hinblick auf den mitreißenden Plot.

Als neuzeitlicher Travis Bickle verfängt sich Richard zunehmend in einer abgeschotteten Welt aus Fantasien und unbändiger Agonie. Doch im Gegensatz zu De Niros „Taxi Driver“ richtet sich der zehrende Hass nicht nur gegen seine Umwelt, sondern auch gegen sich selbst. Die Improvisation mancher Sequenzen bleibt spürbar, doch verleihen die großartigen Darsteller dem Film stete Glaubwürdigkeit. „Dead Man’s Shoes“ ist eine präzise und authentische Charakterstudie, beklemmend und schonungslos – bis zum bitteren Ende.

Wertung: (8,5 / 10)

 

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