Blood Brothers – Jiang Hu (HK 2004)

blood-brothers-jiang-huDie Gangster-Thriller Hongkongs sind das stete Spiel mit Klischees. Der narrative Bewegungsspielraum ist begrenzt, über die Themen Loyalität, Ehre und Aufopferung werden wiederkehrende Geschichten mit oft identischer Dramaturgie gesponnen. Auch Wong Ching-Pos Genrewerk „Blood Brothers“ kann sich dem Sog etablierter Muster nicht entziehen. Das muss er auch nicht. Der Regisseur wirkt inhaltlicher Restriktion mit einer Überlagerung der erzählerischen Ebenen entgegen. Sein nur knapp 80-minütiger Film ist randvoll mit Figuren, die in ständiger Bewegung um das Ruhezentrum zweier Männer beim Essen kreisen. Sie sind die Strippenzieher in einer Nacht, die alles verändern wird.

Unterweltgröße Hung (Andy Lau, „House of Flying Daggers“) will nach der Geburt seines Sohnes kürzer treten. Seine rechte Hand Lefty (Jacky Cheung, „As Tears Go By“) versucht ihn zu überreden, Hongkong zu verlassen. In Gerüchten heißt es, ein Killer sei auf Hung angesetzt worden. Aber der denkt nicht daran, einfach so unterzutauchen. Denn Lefty will Macht. Über den Kopf des Triadenbosses hinweg hat er den Tod einflussreicher Kontrahenten – darunter Eric Tsang („Infernal Affairs II“) und Norman Chu („Tiger on the Beat“) – befohlen. Doch Hung hat andere Pläne. Das Ränkespiel lässt in den Straßen Blut fließen.

Trotz der knapp bemessenen Lauflänge wirkt die Handlung zu keiner Zeit gehetzt. Im Gegenteil. Wong Ching-Po („Mob Sister“) findet ausreichend Gelegenheit, der Charakterfülle Leben einzuhauchen. Nicht zuletzt ihr einen Hintergrund zu verleihen. Vom Erfahrungsreichtum der namhaften Besetzung profitierend, lässt er verschiedene Handlungsstränge parallel ablaufen, ohne deren Ursprungshandlungen erörtern zu müssen. Die Weichen sind längst gestellt, als sich Hung und Lefty zum gemeinsamen Abendessen treffen. Programmierte Ereignisse treten in Kraft, während das verbale Duell am Esstisch allmählich an Schärfe gewinnt.

Daneben ist es der junge Kleinkriminelle Yik (Shawn Yu, „Infernal Affairs“), den das Los eines Mordauftrags getroffen hat. Zusammen mit seinem Freund Turbo (Edison Chen, „The Twins Effect“) streift er durch die Nacht, den Aufstieg in der Hierarchie der Unterwelt vor Augen. Den kinetischen Abläufen des Großstadttreibens steht die Ruhe des Restaurants gegenüber. Die analytischen Gespräche zwischen Hung und Lefty sind der Ruhepol, das Moment der Macht. Überraschend ist der Verlauf ihres Diskurses über Personenführung und Verhaltensweisen an der Spitze nicht. Wohl aber der finale Kniff, welcher die Konstellation der befreundeten Gangster in einem vielschichtigeren Licht erstrahlen lässt.

Der Reiz der Plotkonstruktion bleibt überschattet von Stereotypen. Der Bewegungsspielraum ist bekannt, die Umsetzung in angemessener Weise ästhetisiert. Die gute Besetzung trägt den Film und verleiht ihr Gewicht. In Hongkong ist das Schaulaufen der Stars wahrlich keine Seltenheit. Aber die emotionale Distanz zu den Figuren schafft ein Umfeld, das innerhalb der fiktiven Handlung durchaus realistisch erscheint. Das Halbwelt-Drama erfindet sich nicht neu, sticht in der Kompaktheit seiner erstaunlichen Kürze aber aus dem Genredurchschnitt heraus. Ein Epos auf Sparflamme, stilisiert und effektvoll montiert. Empfehlenswert.

Wertung: (7 / 10)

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