Big Fish (USA 2003)

big-fishNachdem Regie-Virtuose und Kino-Exzentriker Tim Burton mit dem seelenlosen „Planet der Affen“-Remake maßlos enttäuschte, entschädigt der einstige Disney-Zeichner Fans und Kritiker mit seinem neuesten Werk „Big Fish“. Denn mit der Adaption des gleichnamigen Romans aus der Feder von Daniel Wallace offeriert Burton seine bislang reifste Arbeit und söhnt auf diesem Wege obendrein die vorwiegend alptraumhaften Schauergeschichten seiner künstlerischen Vergangenheit mit der Realität aus. Das vitale und in Lebensfreude erblühende Skript garantiert dem Anspruch des brillanten Inszenators den notwendigen Freiraum, Versatzstücke aus dessen früheren Arbeiten in das formale Erscheinungsbild zu integrieren.

In diesen Sphären spinnt Tim Burton die bewegende Mär des notorischen Märchenonkels Edward Bloom (Albert Finney, „Erin Brockovich“) und zelebriert eine wahrhaft meisterliche Ode an die schier unermessliche Kraft der Fantasie. Doch steht Lügenbaron Edward sein in der kühlen Realität des Journalismus befangene Filius Will (Billy Crudup, „Almost Famous“) gegenüber. Nach Jahren der eisigen Stille soll Will, nachdem er dem Ruf seiner Mutter Sandra (Jessica Lange, „Kap der Angst“) ans Sterbebett des chronischen Geschichtenerzählers gefolgt ist, die Wunden der Vergangenheit kitten. Doch muss sich Will eingestehen, dass die Legenden seines Erzeugers dessen wahren Charakter reichhaltig überstrahlen und er faktisch einem Unbekannten gleicht.

So verwandelt sich die offenkundig letzte Gelegenheit, Verständnis für das nie akzeptierte Wesen des Vaters aufzubringen, in eine mystische Reise in die Vergangenheit, an deren Ende über Will Dinge hereinbrechen, die er nie zu träumen vermocht hätte. Jenseits der Grenzen von Realität und Fiktion weicht die stringente Erzählstruktur früherer visueller Ausgeburten Tim Burtons einem mäandrierenden Rhythmus aus Zeitsprüngen und Anekdoten, Fußnoten und inhaltlicher Intermissionen. Einen konventionellen narrativen Fluss konsequent ausklammernd, dreht der individualistische Regisseur das Rad der Zeit nach Belieben vor und zurück. Dabei berichtet er, wie der junge Edward (Ewan McGregor, „Trainspotting“) aus seiner beschaulichen Heimatstadt in Alabama auszog, die Welt zu erobern.

Dabei begegnet der ambitionierte Optimist nicht nur dem traurigen Riesen Karl (Matthew McRory), sondern entdeckt auch die sonderbar friedvolle Gemeinde Spectre, verliebt sich unsterblich in die hübsche Sandra (Alison Lohman, „Tricks“) und heuert, um mehr über die Dame seines Herzens in Erfahrung zu bringen, im Wanderzirkus von Amos Calloway (Danny DeVito, „L.A. Confidential“) an, der sich bei Vollmond in einen Werwolf verwandelt. Den Kern der Geschichte des Edward Bloom markiert jedoch der titelspendende große Fisch, jene fleischgewordene Herausforderung, die das unbändige Bestreben eines jeden Menschen nach grenzenloser Freiheit symbolisiert.

Mit „Big Fish“ zaubert Tim Burton nicht nur eines der faszinierendsten und warmherzigsten Kino-Märchen der letzten Jahre auf die große Leinwand, sondern streicht zudem in wirksamer Selbsttherapie Balsam auf die eigenen Klüfte der zerrütteten Seele. Der vollzogene Reifeprozess des kürzlich selbst in die Vaterrolle geschlüpften Exzentrikers prägt das Gesamtbild seines Filmes unverkennbar, der düstere Grundtenor früherer Werke ist in leuchtenden Farben erstrahlendem Optimismus und einem positiv-lebensbejahenden Unterton gewichen. Wie Sonnenschein nach Regenwetter erhellt der Film das Herz des Betrachters und ist dank der überragenden Regieleistung Burtons trotz gewohnt bizarrer und grotesker Einschübe nie maßlos abgehoben oder auf die Ausschlachtung des prunkvollen Designs und der guten Effekte bedacht.

Stattdessen verliert „Big Fish“ unter Burtons Direktion zu keiner Zeit die Fokussierung auf Randerscheinungen und kleine Gesten und vermittelt auf vornehmlich subtilen Pfaden eine durchweg humanitäre Botschaft. Mit malerischen Bildern, wirkungsvoll untermalt von Komponist Danny Elfman („Sleepy Hollow“), überzeugt und begeistert schlicht jede Facette des heiter-melancholischen Fantasie-Panoptikums. Das ist mit Marion Cotillard („Taxi 2 + 3“), Helena Bonham Carter („Fight Club“) und Steve Buscemi („Reservoir Dogs“) überdies bis in die kleinste Nebenrolle vorzüglich besetzt. Burton zelebriert pure Leinwandmagie, poetisch verträumt und amüsant zugleich, überbordend vor unbändiger Lebenskraft und schlicht überragend gespielt. Und wenn am Ende die Macht der Imagination gar sämtlichen Schrecken aus dem Antlitz des Todes saugt, dann wächst dies moderne Märchen endgültig über den Standard eines archetypischen Hollywood-Rührstücks hinaus. Kurzum: Erzählkunst in selten erlebter Intensität.

Wertung: (9 / 10)

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