Bayside – Vacancy (2016, Hopeless Records)

bayside-vacancy„I’m not so good with tenses. I’m tensing up thinking about what I’m supposed to call you now.“ – ‘Two Letters’

Meist entspringt Musik dem Bedürfnis, Emotionen zu verarbeiten. Diese können, egal ob Independent oder Mainstream, positiv wie negativ geprägt sein. Getragen werden die (vorrangig) kreativen Werke vom individuellen Umgang mit Freude und Liebe, aber auch Trauer, Wut und Verzweiflung. Auch bei BAYSIDE-Frontmann Anthony Raneri erfüllt die Musik – in diesem Falle Indie-Rock – einen kathartischen Zweck. Denn mit dem siebten, wiederum über Hopeless erschienenen  Langspieler „Vacancy“ verarbeitet der Songschreiber die schmerzhafte Trennung von seiner Frau. Das klingt zunächst nach Herzschmerz und Schmachtfetzen, nach Verbitterung und Selbstmitleid. Was nahe läge, erweist sich hier jedoch als falsch.

BAYSIDE waren zwar immer eine gefühlsbetonte, jedoch nie in metaphorischen Klischees verankerte Band. Daher sollte auch nicht weiter verwundern, dass die Platte als Puzzle diffuser Gedankenspiele zu dem, was ist und dem, was sein wird über den Hörer kommt. Die bunte Klangfarbenvielfalt hat sich das Gespann aus dem Osten der USA bewahrt. Melodisch gewohnt ausgefeilt und vielfältig wird bereits das eröffnende „Two Letters“ ausgebreitet.  Dabei fällt schnell auf, dass „Vacancy“ mehr als die vorangegangenen Alben ein Kombinat aus verschiedenen ihrer Schaffensphasen bildet. „I’ve Been Dead All Day“ etwa weist die Verspieltheit von „Shudder“ aus, während das mit punkiger Note versehene „Enemy Lines“ an „Killing Time“ erinnert. Der Entdeckungsspielraum ist daher gerade für eingefleischte Fans erfreulich groß.

Raneris größter Triumph aber bleibt, dass er trotz der relativen Schwere des Hintergrunds nie die für BAYSIDE typischen Singalong-Passagen vergisst. Sei es nun das von einem Cembalo begleitete – und wie das erwähnte „I’ve Been Dead All Day“ punktiert Varieté-Stimmung verbreitende – „Not Fair“, das temporeduzierte „Pretty Vacant“, das rhythmisch abwechslungsreiche „Rumspringa (Heartbreak Road)“ oder das rockige „The Ghost“, an packenden Nummern und großartigen Momenten mangelt es auch „Vacancy“ nicht. So unterstreichen auch diese 10 Songs die individuelle Klasse von BAYSIDE und offenbaren eindrucksvoll, dass aus jedem emotionalen Niederschlag etwas Wunderbares entstehen kann. Im vorausschauenden Sinne des nächsten Tiefschlags, den das Leben zwangsläufig bereit hält, ist da durchaus ein anerkennendes Danke angebracht.

Wertung: (7,5 / 10)

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