Battle Royale (J 2000)

battle-royaleIn den letzten Jahren hat wohl kein Film kontroversere Meinungsbilder hervorgebracht, als Kinji Fukasakus „Battle Royale”. Allerdings muss man aus Gründen der Differenzierung anmerken, dass ein solches Stück kontroverses Kino einmal mehr der kompromisslosen Kreativkraft der Japaner entstsmmt. Abseits oft plakativ anmutender amerikanischer Skandalfilme beschwören Werke wie dieses mit ihren philosophisch anmutenden Untertönen komplett gegenläufige Meinungsbilder geradewegs herauf. Der verstörenden Parrabel über Werteverfall, Loyalität, Disziplinierung sowie die Ursachen und Auswirkungen von Gewalt liegt der gleichnamige Roman Koshun Takamis zugrunde. Der spielt in der Dämmerung eines neuen Millenniums. Japans Gesellschaft liegt am Boden, Anarchie und Gewaltbereitschaft greifen um sich. Respekt vor der Obrigkeit, der Welt der Erwachsenen, scheint in diesen Zeiten der Vergangenheit anzugehören.

Als Intervenierungsmaßnahme wird schließlich ein Gesetz erlassen, das es dem maroden Staatsgefüge ermöglicht, den Spieß umzudrehen und ein blutiges Exempel an den potentiellen Gegnern des Establishments zu statuieren. Jene Reformation der japanischen Bildungspolitik, „Battle Royale” genannt, sieht vor, in der Regelmäßigkeit eines Jahres eine per Losverfahren auserkorene Schulklasse auf ein militärisch abgeriegeltes Eiland zu entführen. Dort werden die Jugendlichen ausgesetzt, auf sich allein gestellt, lediglich ausgerüstet mit dem Notwendigsten. Waffen eingeschlossen. In einem dreitägigen Überlebenskampf werden die Kinder gezwungen, sich zu bekämpfen, auf Leben und Tod, bis am Ende nur noch einer übrig bleibt. Um die unfreiwilligen Teilnehmer gefügig zu halten, wird jedem der erwählten Schüler ein elektronisches Halsband angelegt, das es den Überwachungskräften ermöglicht, Standort und Konstitution eines jeden Kandidaten zu ermitteln. Obendrein sind sie mit explosiven Ladungen bestückt, die von einer Kommandozentrale aus zu jedem Zeitpunkt ferngezündet werden können.

Über die aktuellen Verluste wird den Teenagern in regelmäßigen Abständen Bericht erstattet. Als Exekutivorgan fungiert der ehemalige Lehrer Kitano (Takeshi Kitano, „Hana-Bi”). So werden die 43 Kinder der ausgelosten Klasse 9B schließlich ausgesandt, sich bis aufs Blut zu bekriegen. Und lediglich ein Kandidat darf als Sieger des brutalen Exempels hervorgehen, da anderenfalls sämtliche Überlebenden dem Tode geweiht sind. Während sich mancherorts Gruppen formieren, bemüht dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten, werden an anderer Stelle offene Rechnungen beglichen (bemerkenswert: Chiaki Kuriyama). Im Zuge des grassierenden Wahnsinns zeigt sich der 15-jährige Nanahara (Tatsuya Fujiwara) bemüht, seine gleichaltrige Freundin Noriko (Aki Maeda) zu schützen. Unerwartete Hilfe ereilt ihn dabei von Seiten des undurchsichtigen Kawada (Taro Yamamoto), der wie der durchtriebene Kiriyama (Masanobu Ando) erneut gezwungen wird, der „Battle Royale” beizuwohnen. Ihnen auf den Fersen ist auch die teuflische Einzelgängerin Mitsuko (Kou Shibasaki), welche die Gunst der Stunde nutzt, auf grausame Weise mit ihren verhassten Mitschülern abzurechnen.

Mit schonungsloser Offenheit zeichnet der 1930 geborene Kinji Fukasaku Kinji („Tora!Tora!Tora!”) das Bild einer Gesellschaft am Abgrund und offeriert letztlich die drohenden Konsequenzen einer verirrten Generation, die am Verlust ihrer Werte zu Grunde geht. Dabei birgt nicht allein das Element der Sanktionierung junger Bevölkerungsteile diskutablen Zündstoff, sondern auch der ethische Rückschritt einer ganzen Nation unter Integration drastischer Disziplinierungsmaßnahmen. Nur wird der angeprangerte Werteverfall und der daraus resultierende Unmut gegen das reaktionäre System lediglich geschürt und dient somit kaum als Lösung des Problems. Zudem kann „Battle Royale” kaum als reiner Actionfilm verstanden werden, auch wenn dieses Element über weite Strecken eindeutig im Vordergrund steht. Vielmehr bietet der Film unterschwellige Gesellschaftskritik, bitterböse Satire, gallige Ironie und Zynismus in Reinkultur. Diese Charakteristika fügt allein schon der brillante Auftritt von Japans Superstar ‘Beat’ Takeshi zusammen.

Der erfolgreiche Entertainer, Satiriker, Autor, Komödiant, Schauspieler und Regisseur glänzt und besticht auch in diesem besonderen Falle durch akute Ausdruckslosigkeit, lediglich durchbrochen von vereinzelten Regungen. Kleinen Gesten, welche die innere Zerrissenheit des ehemaligen Lehrers eindrucksvoll reflektieren. Multitalent Kitano begeistert dabei durch desillusionierte Gleichgültigkeit, die selbst der blanke Hass der eigenen Tochter kaum zu durchbohren vermag. Das unvermeidbare Ableben überwindet schließlich auch nur für einen kurzen Augenblick diese Gefühlskälte, jenes emotionale Ödland, das dem bevorstehenden Tod als schiere Erlösung gegenübersteht. Das einer der krassesten und besten Vertreter des beizeiten ohnehin schwer verdaulichen Kinos aus Asien erst jetzt seinen Weg in die hiesigen Videotheken antritt, ist neben permanent auftretender Verspätungszeit fernöstlicher Werke in unseren Breitengraden auch auf die freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft zurückzuführen. Die schob einer ursprünglich für den 27. Juli dieses Jahres eingeräumten Veröffentlichung vorzeitig einen Riegel vor und veranlasste nach mehrmonatigem Rechtsstreit enorme Kürzungen.

Seit dem 12. Dezember ist das sperrige Werk nun auf Video und DVD erhältlich – natürlich großzügig entschärft. Etwa 10 Minuten fielen den flinken Fingern der emsigen Sittenschützer zum Opfer, darunter nicht nur ausufernde Gewaltszenen, sondern auch der zugegebenermaßen makaber anmutende Leichenzähler sowie diverse Durchsagen zum aktuellen Spielstand durch Lehrer Kitano. Wem das nihilistische Meisterwerk in dieser Form zu dröge erscheint, dem sei an dieser Stelle der u.a. in England erschienene und im Gegensatz zur ungekürzten Kinofassung rund vier Minuten längere Director’s Cut empfohlen. Kinji Fukasaku ist mit „Battle Royale” ein provokantes Glanzstück gelungen, ein kompromißloses Action-Drama voller Bitterkeit und drastischer Gewalt. Ein intensives Erlebnis, wie es einzig Asiaten zu drehen vermögen.

Wertung: (9 / 10)

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