Battle in Seattle (USA 2007)

battle-in-seattleIn der präsidialen Ära George W. Bushs hatte politisches Kino Hochkonjunktur. Unter dem enttäuschenden Heilsbringer Obama hat sich das Klima zwar gewandelt, in vielen Bereichen aber längst nicht verbessert. Trotzdem scheint die Wut der Filmemacher abgeflaut. Von Aufarbeitungen des Irak-Kriegs abgesehen wird die Staatsmacht derzeit nur vereinzelt kritisch hinterfragt. Der hierzulande als DVD-Premiere veröffentlichte „Battle in Seattle“, das Regiedebüt des Schauspielers Stuart Townsend (gab u.a. den Dorian Gray in „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“), wurde bereits 2007 gedreht. Die Radikalität dieses szenischen Pamphlets wird in ihrer Zeitlosigkeit aber auch noch in Jahren bleibenden Eindruck hinterlassen.

Townsend widmet sich in seinem starbesetzten Ensemble-Drama nicht der Verfehlung der amerikanischen Regierung, sondern der Welthandelsorganisation WTO. Ende November 1999 lud die transkontinentale Lenkungseinrichtung für Handelsbeziehungen zu einer Konferenz nach Seattle ein. Begleitet wurden die Vorbereitungen von Globalisierungskritikern und Demonstrationszügen, die das Ausbluten nationaler Märkte, insbesondere in Ländern der Dritten Welt, und die Aufweichung von Umweltschutzauflagen anprangerten. Bereits die ersten zwei Minuten des Films, in denen die Geschichte von GATT und WTO nachgezeichnet sowie Ziele und Kontroversen aufgezeigt werden, verdeutlichen Townsends Anliegen.

Da sich die komplexen Streitpunkte nicht in einem Film von 90 Minuten in gebotener Vielschichtigkeit abbilden lassen, zeigt er Perspektiven und Ansichten, die Ohnmacht der Organisatoren und die repressive Haltung der Staatsmacht gegenüber Demonstranten. Obwohl der Tenor des Films den Widerständlern – vertreten durch André Benajmin („Idlewild“), Jennifer Carpenter („Dexter“), Martin Henderson („Flyboys“) und Michelle Rodriguez („Avatar“) – beipflichtet, spart er die Diskrepanz zwischen friedlichen und gewaltbereiten Aktivisten nicht aus. Der steigende Druck auf Bürgermeister Tobin (Ray Liotta, „Narc“) führt zum rigiden Durchgreifen der Polizei, in deren Reihen vor allem Dale (Woody Harrelson, „The Messenger“) Augenmerk gewidmet wird, dessen schwangere Frau (Charlize Theron, „Monster“) mitten in die Ausschreitungen gerät.

Neben den Auswirkungen der Proteste auf die involvierten Gruppen – als Fernsehjournalistin Jean stemmt sich Connie Nielsen („The Great Raid“) gegen die Verschleierung des Mediensystems – zeigt Townsend, der auch als Drehbuchautor und Produzent fungierte, die thematische Ausgrenzung afrikanischer Belange. Der serbische Gesandte Dr. Maric (Rade Serbedzija, „Shooter“) engagiert sich für ´Ärzte ohne Grenzen´, muss aber erkennen, dass sein Wort im Grunde über keinerlei Gewicht verfügt. Der Realismus dieses atemlosen wie kraftvollen Mosaiks erhält durch Originalaufnahmen von Kundgebungen, Demonstrationszügen, Zerstörungswut und Polizeigewalt bisweilen erschreckende Züge. Der „Battle in Seattle“ ebbte nach Tagen ab. Dem Drang nach Veränderung trug er aber nur mehr zu. Nach der Rezeption dieses Werkes kann man verstehen warum.

Wertung: (8 / 10)

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