Bad Religion – New Maps of Hell (2007, Epitaph Records)

bad-religion-new-maps-of-hellEin neues Album von BAD RELIGION. Vor 10 Jahren hätte mich diese Nachricht wahrscheinlich dazu veranlasst, vor meinem Lieblings-CD-Laden zu übernachten. Aber zum einen sind 10 Jahre eine verdammt lange Zeit und zum anderen gibt es so etwas wie den Lieblings-CD-Laden nicht mehr. Ich könnte natürlich versuchen, vor dem Firmensitz von Amazon zu zelten, aber ich denke, damit finde ich keine neuen Freunde. Apropos Freunde: Nach „Stranger Than Fiction“ begann meine Freundschaft mit BAD RELIGION zu bröckeln. Sie wurden mir zu lahm und außerdem machen die gleichen Drei-Akkorde irgendwann auch keinen Spaß mehr, egal wie viel Wahrheit sie mit sich bringen.

Es folgten mehrere Platten, die ich, wenn überhaupt, nur zufällig zu hören bekam. Und wäre ich nicht auf MySpace über die Ankündigung des neuen Albums gestolpert, ich hätte wohl auch dieses verpasst. So aber wollte ich doch mal wieder hören, was meine alten Helden so treiben. Jetzt kann ich es euch sagen: Sie treten Ärsche! „New Maps Of Hell“ klingt wie der jüngere, ungewaschene Bruder von BAD RELIGION mit schlechter Laune. Gerade mal zwei von 16 Songs erreichen die magische 3:30 min. Grenze. Von Radio-Pop-Punk keine Spur. Gleich der erste Song „52 Seconds“ legt mit seinen 58 Sekunden die Marschrichtung fest. Und die geht nach vorne. So sehr, dass man sich fragt, was zu Hölle bloß in die alten Säcke gefahren ist?

Das ist zwar immer noch definitiv BAD RELIGION, Greg Graffin singt immer noch seine Linien, da sind die Mitsing-Refrains mit den Background-Chören und am Rhythmus hat sich im Großen und Ganzen auch nichts verändert. Und doch ist alles viel schneller, komplexer, feiner und gleichzeitig rauer geworden. Nach dem eher progressiven Stück „Heroes und Martyrs“ und dem dreckigen „Germs of Perfection“, die beide unter 1:30 min. bleiben, kommt mit „New Dark Ages“ der erste Höhepunkt des Albums. Eine Lehrstunde in Sachen Punk-Rock. Ein Clubfeger. Eine Stadionhymne. Ein Ohrwurmgarant. „Requiem for Dissent“ klingt nach BAD RELIGION mit einem Schuss Hardcore. „Before You Die“ swingt wunderschön melancholisch und würde sich wohl blendend mit AFI’s „Miss Murder“ verstehen.

„Honest Goodbye“ überrascht in jeder Beziehung. Wenn die Jungs 15 Jahre jünger wären und noch genügend Haare für einen Seitenscheitel hätten, wäre das hier eine ernste Konkurrenz für unsere Freunde aus der Emo-Fraktion. Ein Anspieltipp. Auch „Dearly Beloved“ kann mit seinem mehrstimmigen, versetzten Background-Gesang überzeugen. Ab dann schwächelt das Album ein wenig. „Grain of Wrath“ und „Scrutiny“ sind nett, aber nichts Besonderes. Ebenso das Hardcore-lastige „Murder“ oder „Prodigal Son“, welches so zuckersüß ist, dass man an Avril Lavigne denken muss. Mit „The Grand Delusion“ kommt dann noch einmal ein echtes Punk-Rock Highlight, bevor es zum Ende hin wieder etwas zu gewöhnlich wird. Wahre Fans werden aber vielleicht gerade an diesen Songs gefallen finden. Da BAD RELIGION nicht gerade für Liebeslieder bekannt sind, dreht sich auch auf diesem Album alles um die übliche Weltverbesserung.

Dagegen gibt es im Grunde nichts einzuwenden, zumal Dr. Graffin durchaus in der Lage ist, seine Ansichten so zu formulieren, dass sie nicht nach der Antifa-Punk-Band aus der Nachbarschaft klingen. Trotzdem hätte ich mich mal über etwas Persönlicheres gefreut. Ich denke, das ist es, was mich an diesem Album stört: Es ist nicht konsequent genug. Immer wieder fallen die Songs in bewährte Muster zurück. Dabei brillieren sie doch gerade in den ungewöhnlichen Teilen. Klar, sie haben es nicht nötig, sich noch einmal zu erfinden. Dennoch, mit etwas mehr Mut (oder Wille) hätte dieses Album noch um einiges besser werden können. So bekommt es von mir zumindest das Versprechen, mir auch die nächste Scheibe wieder anzuhören.

Wertung: (7 / 10)

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