Babylon A.D. (F/GB/USA 2008)

babylonadDie Welt von morgen ist am Arsch. Mal wieder. Europas Osten ist Brutstätte von Terror und Anarchie, ihren Schnitt im Chaos machen nur Waffenschieber und Söldner. Das ist alles nicht neu und doch beeindruckt die Direktheit, mit der der französische Regisseur Mathieu Kassovitz („Die purpurnen Flüsse“) seine bierernste Dystopie „Babylon A.D.“ ausstopft. Bombenanschläge werden als alltägliches Übel zur Kenntnis genommen, ein Schnellzug wird bei der Fahrt durch strahlenverseuchtes Gebiet einfach abgeschottet. Wie in der Vergangenheit verheißt Amerika ein besseres Leben. Doch der Weg dorthin ist ein gefährlicher.

Die Grenzen Alaskas, von Flüchtlingen per Unterseeboot angesteuert, werden von vollautomatischen fliegenden Kampfdrohnen gesichert, die, egal ob Mensch oder Eisbär, auslöschen, was ihnen aufs Radar gerät. Und die Kontrolle im Innern ist auch nicht behaglicher. Die Glaubensgemeinschaft der Neoliten, die das Konterfei ihrer Führerin (Charlotte Rampling, „Swimming Pool“) über sämtliche Kanäle in den Äther pumpt, schürt die Hoffnung auf Erlösung und versucht hinter den Kulissen selbst für ein Wunder zu sorgen. Vermögen und Macht häufen sich schließlich auch nicht von alleine an.

Kassovitz´ rabenschwarzes Spektakel geht auf den Roman von Maurice G. Dantec zurück. Die stark bebilderte Vision einer entmenschlichten Zukunft funktioniert als grimmiger Gegenwartskommentar. Nur zu überzeugen weiß sie kaum. Zum einen steckt die um Komplexität heischende Geschichte voller Ungereimtheiten, zum anderen fehlt den viel zu hektischen Actionsequenzen der Diesel. Wohlgemerkt nicht der Vin Diesel, der die Karriere des Krawall-Kinostars in rascher Geschwindigkeit durchlief. Erst war er der robuste Schlagetot, dann der familientaugliche Kleiderschrank, dazwischen liebäugelte er auch mal mit dem Charakterfach. Hier versucht er sich an der Mixtur. Mit durchwachsenem Resultat.

Er ist der Söldner Toorop, eine klassische Ein-Mann-Armee mit unerschütterlicher Coolness. Von einem Waffenhändler (vernarbt und aufgeschwemmt: Gérard Depardieu, „Last Holiday“) wird er angeheuert, die junge Aurora (Mélanie Thierry, „Chrysalis“) und ihre Begleiterin Rebeka (Michelle Yeoh, „Sunshine“), eine schlagkräftige neolitische Ordensschwester, nach New York zu bringen. Doch welch Geheimnis trägt sie in sich? Ist sie Träger eines verheerenden Virus? Oder etwa das Wunder, dem die Gläubigen so verzweifelt entgegensehnen? Die Antworten kommen erst spät. Und auch dann fallen sie nicht zwingend befriedigend aus.

Eher banal, was denn auch dem Bauchgefühl entspricht, welches sich nach dem verklärt sentimentalen Epilog einstellt. Das Szenario fesselt, nur ist die darin verankerte Plotte zu sehr Alibi und die umrissenen Figuren zu sehr Klischee. Diesel ist eben doch nur der einsame Wolf, der neben Hälse brechen und Kugeln verteilen sein Herz entdeckt. Yeoh wirkt daneben beinahe gänzlich verschenkt, weil ihre körperliche Gewandtheit im Strudel der verzerrten Bilder untergeht. So ist „Babylon A.D.“ nicht schlecht, als pseudo-philosophischer Entwurf und unterhaltendes Bombastkino aber einfach zu halbgar geraten. Dann doch lieber gleich noch mal „Children of Men“ schauen.

Wertung: 5 out of 10 stars (5 / 10)

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