Auto Focus (USA 2002)

auto-focus„A day without sex is a day wasted.” – Robert Crane

Hierzulande erschließt sich die amerikanische Comedyserie „Ein Käfig voller Helden” („Hogan’s Heroes”), in der Zeit von 1965 bis 1971 vom TV-Sender CBS produziert, lediglich der Kenntnis eines eingefleischten Anhängerstammes. Noch weniger bekannt ist das abgründige und selbstzerstörerische Leben von deren Hauptdarsteller Robert „Bob” Crane, der im Juni 1978 erschlagen in seinem Apartment in der US-Kleinstadt Scottsdale aufgefunden wurde. Auf Basis der literarischen Rekonstruktion durch Robert Graysmith („The Murder of Bob Crane”) wagt Regisseur Paul Schrader („Der Gejagte”) einen entlarvenden und allen voran distanzierten Blick hinter die Fassade eines obsessiven Menschen, faszinierend umgesetzt und fulminant besetzt.

Dabei folgt „Auto Focus” den Karrierepfaden des Bob Crane (Greg Kinnear), angefangen bei dessen Wechsel vom renommierten Radiomoderator ins Schauspielfach bis zur anfangs aufgrund ihrer eher verharmlosenden Darstellung des Dritten Reiches umstrittenen Serie „Hogan’s Heroes”. Am Set lernt Crane den versierten Techniker John Carpenter (Willem Dafoe) kennen und freundet sich mit dem extrovertierten Exzentriker an. Doch erweist sich diese Bekanntschaft als zutiefst schicksalshaft, erklimmen die stetigen Auslebungen sexueller Phantasien im Zusammenspiel der beiden Männer doch immer neuerliche Höhen. Crane, verheirateter Vater von drei Kindern, gibt sich dabei mit dem bloßen Seitensprung nicht zufrieden, sondern nutzt seine steigende Popularität vielmehr für die völlige Hingabe seiner zahllosen Gespielinnen.

Schon bald reichen dem leidenschaftlichen Freizeitphotographen schlichte Polaroidaufnahmen der begatteten Frauen als Trophäen nicht mehr aus, so dass Carpenter und er ihre exzessiven Ausschweifungen auch auf Videobändern verewigen. Bevor Bobs Ehe mit Anne (Tom Hanks-Gattin Rita Wilson) vollends zerbricht, bandelt der umjubelte Serienstar mit der Kollegin Patricia (Maria Bello) an, die nach der Scheidung Cranes zweite Frau wird. Dem umtriebigen Hobby der fleißigen Amateurfilmer bereitet dieser Umstand allerdings ebenso wenig Abbruch wie die letztendliche Einstellung der Sitcom nach sechs erfolgreichen Jahren. Aufgrund verspielter Sympathien rutscht Bob Crane auf der Karriereleiter stetig abwärts und verfällt nach der Trennung von Patricia und ihrem gemeinsanen Sohn endgültig dem Alkohol. Arbeitslos, abgehalftert und allein bleiben dem einstigen Star nur John Carpenter und der exzessive Lebensstil eines alternden Playboys erhalten. Doch auch dieser fordert irgendwann den fälligen Tribut seiner abgründigen Passionen.

„Auto Focus” ist die geradlinig erzählte und visuell höchst ansprechend inszenierte Geschichte eines ganz normalen Mannes auf dem Weg in den Niedergang. Liebevoll aufbereitete Szenenfolgen der Orginalserie und detailgetreue Decors aus zwei schillernden Jahrzehnten untermauern dabei die authentische Spurlage des Filmes, obendrein um ein vielfaches multipliziert durch die unspektakulären und wertfreien Betrachtungswinkel der vorliegenden Sachverhalte. Wie so oft bleiben feinere Facetten aus dem Leben der portraitierten Hauptperson anbei im Hintergrund verborgen, Hauptaugenmerk liegt auch hier mehr auf der episodischen Verknüpfung diverser stellvertretend für den Abstieg Bob Cranes stehender Lebensabschnitte. Getragen wird der Film denn auch vorrangig vom famosen Zusammenspiel der Hauptakteure Greg Kinnear („Besser geht’s nicht”) und Willem Dafoe, der nach „Light Sleeper” erneut unter der Direktion Paul Schraders zu Höchstleistungen aufläuft.

Unterstützung erfahren die beiden herausragenden Charaktermimen unter anderem durch Rita Wilson („That Thing You Do”), Maria Bello („The Cooler”) und Ed Begley Jr. („Six Feet Under”). Der gefeierte Autor („Taxi Driver”) und Regisseur („Hardcore”) Paul schrader hat ein eindringliches und völlig zu Unrecht kaum beachtetes Bildnis eines um Anerkennung buhlenden Menschen im Lichte der Öffentlichkeit geschaffen. Der zerbricht an seiner inneren Aufgewühltheit und der zwanghaften Auslebung eines seelisch vernichtenden Lebensstandards. Bestechend bebildert und gewürzt mit tragikomischen Zwischentönen, präsentiert sich „Auto Focus” als dankbares Futter für anspruchsvollere Gemüter. Denn es mutet schon ein wenig grotesk an, wenn Bob und Carp bei der Sichtung von Cranes Matratzenakrobatik in kollektives Onanieren verfallen oder auf das Stichwort „Schmile” Lichtblitze auf blanke Brüste herniederprasseln. Technisch werden die pornographischen Untertöne geschickt kaschiert.

Wem das alerdings nicht reichen sollte, der möge sich auf www.bobcrane.com an der Sicht der Dinge von Cranes Sohn Scott, einziges Kind des Darstellers mit dessen zweiter Gattin Patricia, ergötzen. Denn dieser zeigt sich nicht nur bemüht, zahlreiche Gerüchte und Missverständnisse rund um seinen Erzeuger auszumerzen, sondern gewährt für ein gewisses Entgeld auch einen detaillierten Einblick in die Archive seines Erzeugers! Natürlich nur, um die Welt von der physischen Präsenz des Darstellers Bob Crane höchstselbst zu überzeugen.

Wertung: (8 / 10)

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