Ausnahmezustand – The Siege (USA 1998)

ausnahmezustand-the-siege„This is a new kind of war.“ – General Devereaux

Normalerweise wäre ein Film wie „Ausnahmezustand“ kaum mehr der Rede wert. Doch da ist etwas, dass ihn auch rund 18 Jahre nach seiner Herstellung noch aktuell macht. Denn Regisseur Ed Zwick („The Last Samurai“) behandelte das Thema Terrorismus, bevor es durch 9/11 zum weltpolitischen Dauerkonflikt avancierte. Von Extremisten verübte Anschläge waren 1998 wahrlich nicht neu. Nur schien die Idee von islamistischen Bombenattentaten auf amerikanischem Boden regelrecht absurd. In seinen stärksten Momenten wirkt das von Zwick in Zusammenarbeit mit Lawrence Wright und Menno Meyjes („Die Farbe Lila“) ersonnene Skript beinahe prophetisch. Wenn davon gesprochen wird, die zielgerichtete Ermordung von Zivilisten richte sich unmittelbar gegen den westlichen Lebensstil, drängen sich die Bilder vom Massaker in Paris am 13. November 2015 regelrecht in den Sinn.

Der aufwendig umgesetzte Polit-Thriller hat aber noch eine andere Dimension: die des kalkulierten, nicht selten naiv erscheinenden Hollywood-Brimboriums. In dem gibt es nur Schwarz und Weiß, keine Ambivalenz, keine Grauzone. Alles beginnt mit der Verschleppung eines fundamentalistischen Geistlichen in Saudi-Arabien durch das US-Militär. Als Reaktion gehen beim FBI in New York Drohbriefe ein. Da Agent Anthony Hubbard (erhielt unter Zwick für „Glory“ seinen ersten Oscar: Denzel Washington) über die Entführung des politischen Gegners aber nicht im Bilde ist, kann er keinen Zusammenhang erkennen. Die Platzierung einer Bombenattrappe in einem Linienbus entpuppt sich als makabrer Vorgeschmack. Die Suche nach den Hintermännern bringt Hubbard und sein Team – neben Tony „Monk“ Shalhoub u.a. verkörpert von Lance Reddick („The Wire“) – mit CIA-Agentin Sharon Bridger (Annette Bening, „Bugsy“) in Konflikt, die mehr weiß, als sie vorgibt.

Die Inszenierung ist spannungsgetrieben und nicht selten klischeehaft. Aber wie so häufig gelingt es Regisseur Zwick, Schlüsselszenen intensiv zu verdichten. Bestes Beispiel ist die neuerliche Entführung eines Busses. Hubbard versucht sich als Verhandlungsführer und erwirkt zumindest die Freilassung von Kindern. Die folgende Explosion kann er trotzdem nicht verhindern. Zwar ist die verantwortliche Zelle schnell gefunden und ausgemerzt, der Terror jedoch hat gerade erst begonnen. Über Samir Nazhde (Sami Bouajila, „Tage des Ruhms“), einen Informanten Bridgers, zu dem sie obendrein ein Verhältnis pflegt, hofft Hubbard die Hintermänner des feigen Anschlags ausfindig machen zu können, bevor weitere unschuldige Menschen sterben. Doch der um sein Amt fürchtende Präsident ruft in New York den Ausnahmezustand aus und übergibt das Kommando an den militärischen Hardliner William Devereaux (Bruce Willis, „Twelve Monkeys“).

Der lässt sämtliche als subversiv eingestuften Bürger internieren (darunter Shalhoubs Filmsohn) und folgt mit den Mitteln des Überwachungs- und Polizeistaates den Ermittlungen Hubbards. Die Krux – zumindest mit dem Wissensstand nach bald 15 Jahren Kampf gegen den Terror – liegt dabei in der dramaturgisch beruhigenden Annahme, die extremistischen Zellen wären von einer Führungsperson abhängig und würden nach deren Überführung/Ausschaltung kollabieren. Neben der konventionell aufgelösten Suche nach dem Kopf der Islamisten läuft Zwicks Thriller auf das ideologische Duell zwischen Hubbard und Devereaux hinaus. Dabei wird Washingtons flammendes Plädoyer auf die Bewahrung von Rechtsstaatlichkeit und menschlicher Würde vor dem Hintergrund von Guantanamo und Abu Ghraib geradewegs zynisch widerlegt. Es bleibt effizient gestaltetes wie wenig ergiebiges Hollywood-Kino zwischen Prophetismus und Naivität.

Wertung: (6 / 10)

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