Auschwitz (D/CDN 2011)

auschwitzVon den rund 6 Millionen im Dritten Reich ermordeten Juden wurden 1,1 Millionen allein in Auschwitz getötet. Zusammen mit Birkenau und Monowitz bildete das Konzentrationslager Auschwitz I einen der größten Vernichtungskomplexe der nationalsozialistischen Diktatur. Dass dies abscheulichste Kapitel der deutschen Geschichte mit seinem bürokratisierten Genozid nie vergessen werden darf, stellt auch einen eindeutigen Bildungsauftrag an die Schulen. Ein Problem dabei ist das sinkende Bildungsniveau. Teenager scheinen Dschungelcamp und Telefonwahl zum nächsten Superstar weit mehr Bedeutung beizumessen als der zumindest sporadischen Auseinandersetzung mit der deutschen Historie.

Um aus den Verfehlungen der Vergangenheit lernen zu können, muss man sich diesen aber überhaupt erst gewahr werden. An dieser Stelle kommt Uwe Boll ins Spiel, der mit „Auschwitz“ ein Mahnmal gegen das Vergessen und zugleich einen nüchternen Einblick in den Alltag eines Konzentrationslagers schaffen wollte. Überschattet wurde die hehre Ambition allerdings vom Ego des Regisseurs. Weil sein Werk nicht ins Programm der Berlinale 2011 aufgenommen wurde, reichte Boll Klage gegen Festivalchef Dieter Kosslick ein. Publicity hat ihm das fraglos eingebracht. Anbei aber auch dem Verdacht ausgesetzt, er würde den Eklat einzig der persönlichen Aufmerksamkeit wegen provozieren.

Allemal kurios ist die Entstehungsgeschichte von „Auschwitz“, den Boll im direkten Anschluss an „BloodRayne: The Third Reich“ drehte. Für den Vampir-Nazi-Horror-Trash hatte er Kostüme und Requisiten beschafft, so dass für sein dokumentarisches Drama lediglich Gaskammer und Verbrennungsöfen gebaut werden mussten. Dass der durch diverse Videospieladaptionen zu berüchtigtem Weltruhm gelangte Filmemacher unverblümt Schund und (bemühten) Anspruch aneinanderreiht, ist kein grundlegendes Problem. Abseits seiner meist miserablen Produktionen bewies Boll mit immerhin diskussionswürdigen Werken wie „Darfur“, dass mehr in ihm steckt als der ewige Prügelknabe internationaler Kritiker.

Die Sorge um Bildungsnotstand und Wissensschwund vertrat er bei der Vorstellung des Films glaubhaft. Der Ambition gerecht wird sein aufklärerischer Beitrag trotzdem nicht. Vor allem aufgrund der unbefriedigenden Machart. Denn nicht nur, dass Boll selbst einleitend und abschließend seine Intention in deutscher und englischer Sprache darlegen muss, auch die bisweilen von Archivaufnahmen unterlegten Interviews mit weitgehend unwissenden Schülern verfehlen das Ziel eines diskursiven Anstoßes deutlich. Bolls Fragestunde taugt kaum als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart und verortet die Wissenslücke scheinbar allein bei der jungen Generation.

Zu schwermütigen Klavierklängen beginnt schließlich der Blick ins KZ. Ein Zug fährt ein, Menschen werden sortiert. Die einen werden zur Arbeit eingeteilt, der Rest in die Gaskammern geschickt. Gefangene in gestreiften Anzügen sortieren die konfiszierten Wertsachen. Ein Offizier schenkt Schnaps aus und regelt den Urlaub der Untergebenen. Banale Gespräche und Massenmord. Dazu wackelt die Handkamera und Boll selbst streift in Uniform durchs Bild und drückt sich eine Stulle in den Mund. Ob Auschwitz in der Realität so ausgesehen hat, bleibt fraglich. Die Spielszenen wirken steif, wie Laienschauspiel beim Kostümverleih.

Es bleibt streitbar, ob sich die Gräuel der Nazis überhaupt im fiktionalen Filmkontext darstellen lassen. Die Todesangst und das qualvolle Sterben kann Boll bei aller distanzierten Unmittelbarkeit höchstens andeuten. Nur wirken die spartanischen Bilder weit weniger als die erschütternden Berichte der Überlebenden. Warum also hat er nicht einfach eine auf den Geschichtsunterricht an Schulen zugeschnittene Dokumentation nach klassischem Muster gedreht, mit Zeitzeugenberichten und Archivmaterial? Darin hätten sicher auch seine Spielszenen Verwendung finden können. So jedenfalls bietet er der Guido-Knoppisierung dokumentarisch deutscher Vergangenheitsaufarbeitung eine bestenfalls zwiespältige Alternative.

Wertung: (3 / 10)

 

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