Atlantis – Das Geheimnis der verlorenen Stadt (USA 2001)

atlantis-das-geheimnis-der-verlorenen-stadtDie Konkurrenz des Trick-Imperiums Disney ist in den vergangenen Jahren gehörig erstarkt, Erfolgsdruck und Anspannung in der Chefetage nicht erst durch vermehrte finanzielle Misserfolge und Dreamworks‘ Meisterstück „Shrek“ stark angestiegen. So muss sich der Konzern erstmals in der Geschichte seines Bestehens eingestehen, dass auch andere Leute gute Trickfilme machen können, wobei die ungeahnten Möglichkeiten des vielseitigen Einsatzes von Computern ihren übrigen Teil dazu beisteuern. Bereits in den Neunzigern hatte Don Bluth versucht, am Denkmal von Micky Maus & Co. zu kratzen, heimste aber kaum mehr als manchen Achtungserfolg ein und stolperte letztendlich über das ambitionierte „Titan A.E.“-Projekt.

Für Disney genügt es einfach nicht mehr, jedes Jahr an Weihnachten einen potentiellen, fast konkurrenzlosen Hit auf die Leinwand zu bannen. Das Publikum muss breiter werden, die Stoffe auch für Erwachsene interessanter. Bestes Beispiel für diese Entwicklung bildet „Atlantis – Das Geheimnis der verlorenen Stadt“, nunmehr 41. abendfüllender Spielfilm der Trickschmiede, bei dem die Macher sichtlich bemüht schienen, Abstand vom traditionellen Konzept ihres Schaffens zu gewinnen. So wurde bei der Realisierung nicht nur auf die bewährten Songeinlagen verzichtet, sondern auch auf die putzigen Nebenfiguren, welche in der Vergangenheit immer wieder für den nötigen kindgerechten Klamauk sorgten. Sprechende Küchenuntensilien oder Wasserspeier sucht man hier vergebens.

Stattdessen setzen Gary Trousdale und Kirk Wise, die Regisseure des Films, auf Realfilmdramaturgie und einen Abenteuerplot in der düsteren Tradition der „Indiana Jones“-Spektakel. In diesem ist der junge Wissenschaftler Milo, im Original mit der Stimme von Michael J. Fox versehen, davon überzeugt, dass die sagenumwobene Stadt Atlantis tatsächlich existiert. Mit Hilfe eines geheimnisvollen Buches hofft er den Weg in das versunkene Königreich bewältigen zu können und schließt sich einer illustren Söldnertruppe an, die mit einem gewaltigen Unterseeboot die gefahrvolle Reise im Jahre 1914 antritt. Doch die waghalsige Expedition verläuft anders als geplant, so dass nach dem Angriff eines gigantischen metallischen Wächters weniger als die Hälfte der knapp 200-köpfigen Crew die Expedition fortführen kann.

Doch letztlich wird die Gruppe fündig und zur Überraschung aller lebt Atlantis. Tief unter der Meeresoberfläche haben sich die Zivilisation und die Kultur der mächtigen Stadt erhalten. Doch Atlantis schwebt in großer Gefahr und einzig der gutherzige Milo ist in der Lage, das Geheimnis um die mystische Energiequelle, die die einstige Metropole und seine Bewohner am Leben hält, zu lösen. Nur haben die Reisebegleiter Milos andere Pläne im Sinn, so dass der Bücherwurm einzig mit Hilfe der Königstochter Kida den drohenden Untergang von Atlantis verhindern muss.

Ausnahmsweise kein unbeschwertes Filmvergnügen aus dem Hause Disney! „Atlantis“ bietet vielmehr eine klassische Abenteuergeschichte mit Jules-Verne-Flair. Mit viel Magie umgesetzt, begeistert der Film formal insbesondere durch die erwartungsgemäße tricktechnische Vollkommenheit, die von Beginn an mit grandiosen Bilder und atemberaubenden Effekten aufwartet. Der sonst für den Erfolg so immens wichtige Humorfaktor wurde auf ein Mindestmaß reduziert, bildet nur eine Facette im Abwechslungsreichen Spektrum. Dem Film selbst schadet dieser recht ungewöhnliche Schritt nicht, versucht man hier doch eher Spannung und Atmosphäre zu kreieren. Darüber hinaus bieten die schrulligen Charaktere – u.a. gesprochen von Claudia Christian, James Garner, David Ogden Stiers und „Star Trek”-Veteran Leonard Nimoy – genug Raum für humoristische Einlagen, die allerdings niemals den Standards einstiger Werke gerecht werden wollen.

Notwendig wäre dies aber auch nicht gewesen, hätte der Wirkung des Films wahrscheinlich eher geschadet als genützt, erklärt aber andererseits auch das erneute finanzielle Zurückbleiben hinter den Erwartungen. Hinzu gesellt sich die Tatsache, dass das aufwändig gestaltete Trickspektakel jüngere Zuschauer schlicht überfordern dürfte. Denn im Schlussdrittel beinhaltet „Atlantis“ esoterische Züge im Stile von „Final Fantasy“ und präsentiert sich im Vergleich zu den meisten Disney-Produktionen ungewöhnlich gewaltreich. Selbstverständlich werden Szenen dieser Art in der Hauptsache nur angedeutet, aber der vergleichsweise hohe Bodycount und bereitwillige Tötungsakte rechtfertigen die Freigabe ab 6 jeder Zeit. Alles in allem ein faszinierendes, wenngleich ungewöhnliches Stück Trickfilmarbeit, welches die Altersstufe der Zielgruppe deutlich über den sonstigen Disney-Standard setzt.

Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

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