Asphalt-Kannibalen (I 1980)

asphaltkannibalenIm italienischen Kino der ausgehenden Siebziger war der Trash zu Hause. Nach Sinn und Unsinn fragte hier niemand. Erlaubt war, was auf dem Rücken amerikanischer Vorbilder die Grenzen des zumutbaren sprengte. Den Spuren von George A. Romeros „Dawn of the Dead“ folgend, hielt der Splatter Einzug. Unter der Direktion von Umberto Lenzi, Lamberto Bava und Lucio Fulci verrichteten Zombies, Dämonen und Kannibalen bis Mitte der Achtziger ihr blutiges Tagewerk.

Antonio Margheriti („Jäger der Apokalypse“) fühlte sich in dieser Zeit dem Fach der Kriegs- und Söldneraction verpflichtet. Meist unter dem Pseudonym Anthony M. Dawson praktizierend, inszenierte Margheriti im Laufe seiner Karriere rund fünfzig Filme – darunter Sandalenabenteuer („Ursus und die Sklavin des Teufels“), Sci-Fi-Grusler („Orion 3000 – Raumfahrt des Grauens“), Italo-Western („Fünf blutige Stricke“) und Horror-Streifen („Dracula im Schloss des Schreckens“).

Im Jahr 1980 vermengte der gebürtige Römer exploitative Action mit Elementen des Kannibalismus. Sein „Asphalt-Kannibalen“ holte die sattsam bediente Thematik der Menschenfresser vom Urwald in den Dschungel der Großstadt. Psychologische Nuancen des Plots und mögliche Kritik an der Grausamkeit des Krieges wurden zugunsten einer rabiat reißerischen Inszenierung konsequent ausgeklammert. Das Ergebnis ist dessen ungeachtet sehenswert.

Als der Vietnamveteran Charles Bukowski (Giovanni Lombardo Radice, „Ein Zombie hing am Glockenseil”) nach Jahren aus einer Nervenheilanstalt entlassen wird, richtet er in einem verlassenen Supermarkt ein Blutbad an. Die Tat konfrontiert auch Bukowskis ehemaligen Vorgesetzten Norman Hopper (John Saxon, „A Nightmare on Elm Street“) mit seiner Vergangenheit. Denn dieser entdeckte in Kriegstagen Charlies zwanghafte Gier nach menschlichem Fleisch.

Nach seiner Wiedereinweisung gelingt Bukowski mit einem Leidensgenossen die Flucht aus der geschlossenen Anstalt. Doch rührt das Verhalten der ehemaligen Soldaten nicht von einer Kriegspsychose her, sondern hat seinen Ursprung in einer mysteriösen Infektion. Mit der Konsequenz, dass ein Biss der triebgesteuerten Missetäter auch in den Opfern den Appetit auf ihre Mitmenschen weckt. So droht sich das Virus schnell auf das ganze Stadtgebiet auszuweiten.

„Asphalt-Kannibalen“ ist mehr amüsant denn schockierend. Unter permanent abgespultem Funk-Sound entfaltet sich urbaner Horror mit naiver Dramaturgie. Für italienische Verhältnisse bietet der Film kaum etwas neues, weiß im Gegenzug jedoch durch seine stimmige Inszenierung zu gefallen. Weder wegweisend noch in erdenklicher Weise spektakulär, überzeugt der brauchbare Reißer durch eigenwillige Atmosphäre und standesgemäß übersteigert zu Werke gehende Akteure.

Neben US-Darsteller John Saxon und dem späteren Gouverneur von Kentucky Wallace Wilkinson („Mutant“) tritt auch Giallo-Legionär Tony King („Höllenkommando zur Ewigkeit“) in Erscheinung. Das Make-Up gestaltete Genre-Spezialist Giannetto De Rossi („Woodoo – Schreckensinsel der Zombies“, „High Tension“), der neben seiner Verdienste um den europäischen Film gleichermaßen in Hollywood („Dune – Der Wüstenplanet“, „Dragonheart“) Akzente setzte.

Auch an Reminiszenzen spart Antonio Margheriti nicht. Wenn es Charlie im verlassenen Flohmarktgebäude mit einer Motorradgang aufnimmt, streut der Regisseur eine punktierte Hommage an George A. Romero. Kurz zuvor schaut sich der Menschenfresser im Kino einen Film unter dem Titel „From Hell to Victory“ an. Dabei handelt es sich um das vom Kollegen Umberto Lenzi ein Jahr zuvor gedrehte Kriegs-Spektakel „Nur drei kamen durch“.

Gewürzt mit nackter Haut und blutigen Einschüben bietet „Asphalt-Kannibalen“ harte Kost für Genre-Fans. Ausufernde Gewalt serviert der Film nur selten. Mehr schon standardisierte Abscheu im schematischem Sog des exploitativen Euro-Schockers. Ein Blick lohnt sich dennoch. Und sei es nur, weil der Streifen bereits für karges Klimpergeld unzensiert auf DVD zu erwerben ist.

Wertung: 6 out of 10 stars (6 / 10)

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