Anything Else (USA/GB/F 2003)

anything-elseIm Spätherbst seiner Karriere vertritt Meisterregisseur Woody Allen einen schweren Stand. Kritiker stampfen seine Arbeit in Grund und Boden, das Publikum meidet seine Filme und selbst der einst so zuverlässige Veröffentlichungsgarant Deutschland lässt bei der Erstehung seiner Werke vornehmlich Lethargie walten. Um so erstaunlicher erscheint es, dass Allens jüngster Streich „Anything Else” nach konsequenter Aussparung des 2002 inszenierten „Hollywood Ending” nun doch das Licht bundesdeutscher Leinwände erblickt.

Um „Anything Else” in Amerika einem breiteren Publikumszirkel schmackhaft zu machen, verschwieg der Verteiber Dreamworks kurzerhand die Direktion Woody Allens. Stattdessen wurde die Mitwirkung der kommerziell gewichtigeren Namen Jason Biggs und Christina Ricci in TV-Spots und Plakatwerbung hervorgehoben. Auf diese Weise nimmt die Interaktion zwischen Woody Allen und Dreamworks ein mehr als unrühmliches Ende. Ironischerweise steckt der Regisseur selbst bei „Anything Else” deutlich zurück, steht Allen doch einmal mehr nicht im Vordergrund, sondern nimmt lediglich eine Position in der zweiten Reihe der Protagonisten ein.

In seinem 34. abendfüllenden Spielfilm führt uns Allen ein in die gebeutelte Gefühlswelt des aufstrebenden New Yorker Komödienschreibers Jerry Falk (Jason Biggs, „American Pie”). Dieser stolpert von einem emotionalen Waterloo ins nächste, als er sich Hals über Kopf in den extrovertierten Freigeist Amanda (Christina Ricci, Der Eissturm”) verliebt. Von seinem talentfreien Manager (Danny DeVito, „Schnappt Shorty”) an den Rand eines Nervenkollapses getrieben, lässt Jerry die Problematik seines Daseins bei ausgiebigen Spaziergängen im Central Park mit seinem Freund und Mentor David Dobel (Allen) Revue passieren. Als in dieser schier ausweglosen Situation wenig förderlich erweist sich zudem die Einquartierung von Amandas Mutter Paula (Stockard Channing, „Smoke”) im gemeinsamen Appartment des krisengebeutelten Paares.

Dass Woody Allen über weite Strecken in den Hintergrund tritt und seinem verjüngten Alter Ego Jason Biggs den Vorrang zuspricht, liegt im Ermessen der Geschichte. Dass eben jener Jerry Falk jedoch faktisch ein Falsifikat sämtlicher von Allen kreierter Verlierertypen figuriert, grenzt an ein Sakrileg. Denn Jason Biggs bzw. Jerry Falk erstrahlt in Zuversicht. Seine missliche Lage ringt ihm keine Träne ab, kein lautstarkes Zetern, keine zwangsneurotischen Hypochondrien. Mit der seichten Gemütslage eines Geistlichen hält Jerry in jeder Situation auch die andere Wange hin. Und eine solch unerschütterliche Figur hat es im Schaffen des Woody Allen noch nicht gegeben. Da muss der Meister schon selbst in die Bresche springen, um als Hochschullehrer und erfolgloser Gelegenheitskomiker David Dobel die Relativität im Allen´schen Universum gewährleisten zu können.

Die Kritikergilde wollte in „Anything Else” zweierlei Vorzeichen erkennen. Zum einen Vorboten des endgültigen kreativen Absturzes, zum anderen den Grundstein für einen traditionellen Neuanfang. Wie so häufig entspringt die Wahrheit eher dem Mittelweg. Fakt ist, dass sich Woody Allen seit der bitterbösen Farce „Deconstructing Harry” vornehmlich dem Terrain seichter Unterhaltung zugewandt hat. Die schillernde Ausnahme bildet „Sweet and Lowdown”, welche bis auf einen Kurzauftritt Allens im narrativen Grundkonstrukt ohne sein physisches Zubrot brillierte. Den Fans indes kann und sollte dieser Zwist auf dem Rücken eines begnadeten Künstlers gleichgültig sein. Schließlich bürgt der Name Woody Allen auch im Jahr 2004 für qualitativ hochwertige Unterhaltung auf unabhängiger Sektion.

„Anything Else” präsentiert sich als wenig originelle, jedoch grundsolide Light-Version von Woody Allens Meisterwerk „Der Stadtneurotiker”. In steter Konversation mit dem Publikum überzeugt der unrühmliche Backwaren-Koiteur Jason Biggs als passionierter Quell des Optimismus. Zwar lässt dieser die prägnanten Wesenzüge der charakterlichen Dissonanz eines Alvy Singer oder Harry Block vermissen, doch bürgt die redselige Beziehungskomödie einmal mehr für kurzweilige Philosophien über Nazi-Deutschland, Judaismus und das Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau. Und mag Woody Allen dabei auch der ätzende Biss einstiger Werke abhanden gekommen sein, charmant ist die Geschichte allemal.

Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

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