Antebellum (USA 2020)

„The unresolved past can certainly wreak havoc on the present.“

Die Sklaverei ist eines der größten Verbrechen in der Historie der USA. Der tief verwurzelte Rassismus vergangener Tage vergiftet die Gesellschaft bis heute. Ein Film, der diesen Zustand mit erhellender Radikalität umschreibt, ist „Antebellum“. Das Kino-Debüt der beiden Autorenfilmer Gerard Bush und Christopher Renz, die zuvor durch Kurzfilme und Video-Clips auffielen, wurde u. a. von Raymond Mansfield und Sean McKittrick produziert, die bereits mit dem modernen Klassiker „Get Out“ (2017) halfen, das Thema mit den Mitteln des Genre-Kinos zu artikulieren.

Der Beginn zeigt eine Baumwollplantage im Süden der USA. In einer langen Fahrt erkundet die Kamera das Terrain, vom herrschaftlichen Haupthaus über die Sklaven-Baracken bis zu den Feldern. Dazwischen marschieren konföderierte Soldaten. Deren Befehlshaber ist ein General (Eric Lange, „Narcos“), dessen rechte Hand, Captain Jasper (Jack Huston, „Boardwalk Empire“), am Ende jener stilistisch wertigen Einführung eine flüchtende Schwarze erschießt. Ihr festgesetzter Mann Eli (Tongayi Chirisa, „iZombie“) ist dazu verdammt, die Hinrichtung tatenlos zu bezeugen. Die Tonalität, daran lassen Bush und Renz keine Zweifel, ist drastisch.

Die zum Schweigen verdammten Zwangsarbeitenden sind ihren Peinigern ausgeliefert. Wie treffend der Terminus der „Leibeigenschaft“ diesen Zustand umfasst, zeigt sich am General, der die Sklavin Eden (Janelle Monáe, „Hidden Figures“) wie selbstverständlich vergewaltigt. Doch die junge Frau lässt sich entgegen jeder Erniedrigung und Misshandlung nicht brechen. Auf diesem Wege könnte „Antebellum“ eine Geschichte über Geschichte erzählen; aufwühlend zwar, im Sinne seiner eigenen, kontextuell übergreifenden Bedeutung aber lediglich eine Ergänzung zu wichtigen Vorgängerwerken wie „12 Years a Slave“ (2013).

Doch das plötzliche Klingeln eines Mobiltelefons schlägt eine Brücke in die Gegenwart und zeigt am Beispiel der Soziologin Veronica Henley (auch Monáe), wie Rassismus in der modernen Welt funktioniert. Veronica ist privilegiert, erfolgreiche Autorin und Aktivistin. Ungleich behandelt wird sie trotzdem. Das wird bei einem Treffen mit Freundinnen ersichtlich, aus deren Riege die selbstbewusste Dawn („Precious“-Star Gabourey Sibide) Vorurteile mit freundlich formulierter Konfrontationslust quittiert. Die Schatten des Auftakts bleiben über Symbole, Bilder und das Auftreten von Jena Malone („Die Tribute von Panem“) allgegenwärtig, die einerseits als Plantagen-Eignerin und andererseits als Senatorentochter in Erscheinung tritt.  

Über den Zusammenhang der narrativen Ebenen, die durch Vorzeichen und Andeutungen zur Rezeptionswiederholung einladen, soll an dieser Stelle kein Wort verloren werden. Nur so viel: Wenn die Erzählung zu Eden zurückkehrt, sind die Grenzen zwischen gestern und heute weggewischt. Der eigenwillige, intensiv gespielte – siehe auch Kiersey Clemons („Sweetheart“) als schwangere Sklavin Julia – und clever konstruierte Mix aus Drama, Mystery-Thriller und (Real-)Horror kommt zwar nicht umhin, während des finalen Fluchtszenarios, ähnlich „Get Out“, auf konventionelle Spannungserzeugung und Eskalation zu setzen, doch überwiegt im wendungsreichen, bewusst übersteigerten Schreckensszenario die unumstößliche Botschaft: Rassismus ist kein Gespenst der Vergangenheit.  

Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

Ähnliche Beiträge

  • Lady Frankenstein (I 1971)

    Muss die entartete Wissenschaft denn immer eine Männerdomäne bleiben? Im Berufsstand der Mad Scientists sind Frauen rar gesät. Eine der wenigen Ausnahmen ist „Lady Frankenstein“, die 1971 zur Tat schritt und sich, der Name verrät es, an der Belebung toter Materie versuchte. Ruhm bringt es ihr keinen ein. Im Gegensatz zu Regisseur Mel Welles („Das…

  • Zombie Killer (J 2008)

    Japan in düsterer Zukunft: Seit Mad Scientist Dr. Sugita (Tarô Suwa) den Großteil der Weltbevölkerung zombifizierte, zieht Aya (Eri Otoguro) mit ihrem beleibten dauerhungrigen Sidekick Katsuji (Tomohiro Waki) durch die Lande. Die schweigsame, mit Superkräften ausgestattete Ninja-Kriegerin versucht nicht nur dem crazy Doc das Handwerk zu legen, sie jagt ebenso ihrer bösen Stiefschwester Saki (Chise…

  • Beim ersten Mal (USA 2007)

    Seit „Jungfrau (40), männlich, sucht…“ gilt Judd Apatow als neue Hoffnung am Komödienhimmel. Mancherorts wird er gar mit John Hughes („Breakfast Club“) verglichen. Obwohl sich beide Regisseure auf hinreißend bissige Geschichten über das Erwachsenwerden verstehen, will die Gegenüberstellung nicht recht zutreffen. Denn im Unterschied zu Hughes findet Apatow bei seinen Filmen kein Ende. Auch die…

  • A Serious Man (USA/F/GB 2009)

    „I feel like the carpet‘s been yanked out from under me.“ – Larry Gopnick Mit der skurrilen Tragikomödie „A Serious Man“ kehren die Coen-Brüder nach Minnesota zurück, wo sie bereits ihren Klassiker „Fargo“ ansiedelten. Statt eines verschneiten Kleinstadtpanoramas präsentieren sie diesmal jedoch ein sonnengetränktes Spießeridyll in den späten Neunzehnsechzigern, dass sich für den jüdischen Universitätsprofessor…

  • Factotum (USA/F/D/S/N 2005)

    Charles Bukowski war zu Lebzeiten Mythos, Idol und Gegensatz des amerikanischen Traums in einer Person. Der Schriftsteller lebte sein Leben auch in seinen Romanen und Gedichten, die stets autobiografische Züge von Bukowski beinhalteten. Der Filmemacher Bent Hamer verfilmte mit „Factotum“ einen Roman Bukowskis, bei dem der erfolglose Schriftsteller Hank Chinaski mitsamt seinem kümmerlichen Leben im…

  • Tintorera! – Meeresungeheuer greifen an (MEX 1977)

    „Kümmern wir uns um die Haifische im Bikini am Strand.” – Steven Bizarrer Trash aus Mexikos Mottenkiste, mit Urlaubspanorama, Softsex und einem Killerhai. „Tintorera“, im Deutschen mit dem sinnfreien Zusatz „Meeresungeheuer greifen an“ bestückt, bedeutet einfach „Tigerhai“. Und ein solcher ist es auch, der die begehrte Urlauberin Patricia (Fiona Lewis, „Tanz der Vampire“) beim post-koitalen…