Angel – Ein Leben wie im Traum (F/GB/BE 2007)

angel-ein-leben-wie-im-traumDie hoffnungsvolle Jungautorin ist ein Bündel an Überraschungen. Der Londoner Verleger Théo (Sam Neill, „The Dish“) muss das mit einer Mischung aus Amüsement und blanker Verwunderung zur Kenntnis nehmen. Er hätte eine ältliche Dame erwartet, die ihre literarische Trivialität vor dem Kamin zum Ausdruck brächte, nicht aber ein naiv arrogantes Gör, das in der kargen Stube über dem Lebensmittelgeschäft der Mutter vor Ideen sprudelnd in Serie verkitschte Adelsnovellen produziert. Mangelnde Lebenserfahrung egalisiert sie durch eine blühende Fantasie. Ein wenig zu blühend, werden bei ihr doch Champagnerflaschen mit dem Korkenzieher geöffnet.

„Angel“ ist François Ozons („8 Frauen“) erster rein englischsprachiger Film. Die Adaption des gleichnamigen Romans aus der Feder der britischen Schriftstellerin Elizabeth Taylor ist ein rauschendes Kostümfest, bei dem Ausstatter und Designer herausragendes leisten. Der Beginn des 20. Jahrhunderts ist ein Traum aus Samt und Seide, eine Märchenwelt, in dem das prächtige Anwesen, das sich die junge Angel Deverell (Romola Garai, „Vanity Fair“) seit ihrer Kindheit erträumt, den Namen „Paradise“ trägt. Bei seiner Erzählung geht Ozon in die Vollen. Die kritische Distanz des Regisseurs zu seiner Hauptfigur wird aufgehoben und ihr Eskapismus zum Weltbild des gesamten Werkes gekürt.

Leben und lieben, hoffen und scheitern vollziehen sich streng aus der Sicht Angels, die mit ihren melodramatischen Schmalzgeschichten den Geschmack eines breiten Publikums trifft. Rational denkt sie nur selten, vielmehr träumt sie sich durch eine jede Phase ihres bewegten Seins. Wie ein ekstatischer Hauch wirkt jede ihrer Unternehmungen überlebensgroß. Ständiger Begleiter ist der Egozentrismus, der ihren Blick vor der nüchternen Realität abschottet. So geht das Märchen selbst weiter, als die bonbonbunte Verblendung in zunehmenden Schicksalsschlägen auseinanderzubrechen droht.

Eine ihrer größten Lebensaufgaben ist die Behütung des erfolglosen Malers Esmé (Michael Fassbender, „300“), den sie heiratet, umsorgt und doch zu keiner Zeit aus der Düsternis der eigenen Verzweiflung befreien kann. Die kompromisslose Romantikerin überwindet die Realität, indem sie ihre eigene schafft. Das geht sogar so weit, dass sie den Ersten Weltkrieg als persönlichen Affront begreift, schließlich gebietet er die Trennung von ihrem Gatten. Dabei jedoch übersieht sie die Fürsorge ihrer einzigen echten Gefährtin, Esmés Schwester Nora (Lucy Russell, „Tristan & Isolde“). Sie steht ihr bei, nachdem der untreue Ehemann, im Krieg verstümmelt, den Freitod vorgezogen hat. Bis zum bitteren Ende.

Ozon bläst sein schwelgerisches, am Ende deutlich zu langes Portrait zur Hommage an Hollywoods klassische Gefühlsmelodrame auf. Die glänzende Romola Garai legt den ignoranten Trotzkopf Angel als Referenz an Leinwanddiven wie Scarlett O´Hara an. Dazu die verschnörkelte Inszenierung, die dem schwelgerischen Blick der Protagonistin folgt. Kutschfahrten vor Landschaftsprojektionen und die Weltreise vor der Fototapete perfektionieren das Spiel mit den Klischees der Postkartenromantik. Überhaupt trotzt „Angel“ dem „Höher, schneller, weiter“-Anspruch des modernen Kinos mit anachronistischer Gemütsruhe. Kunst und Kitsch lagen selten näher beieinander.

Wertung: (6,5 / 10)

scroll to top