Alles was ich an euch liebe (E/PT/ARG/GB 2004)

alles-was-ich-an-euch-liebeDie Geschichte einer Liebe zwischen einer Jüdin und einem Palästinenser besitzt im Kino der Gegenwart das Potential eines konfliktbeladenen Melodrams. Dramaturgisch umso schwerwiegender erscheint die Vorstellung, dass sie (die Jüdin) ihrer Familie (auch jüdisch) den Geliebten (der Palästinenser) als zukünftigen Ehemann vorstellt, ohne dass die gläubige Sippschaft seine wahre Herkunft kennt. Die Folge wäre wohl eine Tragödie griechischen Ausmaßes, ein Meer aus Tränen mit der finalen Selbstopferung der Liebenden. Nicht so beim spanischen Ehepaar Teresa de Pelegri und Dominic Harari, das eben jene Problematik zum Zentrum ihres Filmes „Alles was ich an euch liebe“ macht. Und der ist bei allem politischen, ideologischen und religiös motivierten Zündstoff eine Komödie. Eine Familienkomödie.

Die Figurenkonstellation wirkt mitunter konstruiert, die Charaktere stereotyp. Darüber hinwegsehen lässt die Leichtigkeit, der Schwung der Inszenierung. Sie (die Jüdin) heißt Leni (Marián Aguilera, „Black Serenade“), ist jung, attraktiv und erfolgreich. Er (der Palästinenser) heißt Rafi (Guillermo Toledo, „Ein ferpektes Verbrechen“), wirkt in seiner Bewegung beengt, was in der Gesellschaft seiner Schwiegerfamilie in spe wenig verwundern mag. Lenis Verwandtschaft wohnt in Spanien, was den politischen Druck zumindest geographisch von der Handlung nimmt. Der Gast, unverrichteter Dinge in den exzentrischen Schoß der Familie Dalinsky hineingesogen, soll im Trubel der Vorbereitung eines Festschmaus in der Küche aushelfen. Weil aber scheitert, was im Dienste der Komödie scheitern muss, entweicht Rafi ein gefrorener Suppenblock aus dem Fenster und trifft einen vor dem Wohnkomplex seines Weges gehenden Passanten.

Im Wahn, es Lenis Sippe im Schatten kultureller Andersartigkeit Recht machen zu wollen, vertuscht Rafi den Vorfall mit Hilfe seiner Verlobten. Das Problem soll sich von selbst lösen. Irgendwer wird schon einen Krankenwagen rufen. Aber wo bleibt eigentlich der Vater der Familie? Die Turbulenzen der folgenden Verstrickungen vollziehen sich im Geiste klassischer Screwball-Komödien. Wortwitz paart sich mit Slapstick und bietet dem allesamt großartig harmonierenden Schauspielensemble ausgiebig Gelegenheit, gegeneinander aufzubegehren. Ob die über den Trümmerhaufen ihrer Ehe zur Depression neigende Mutter (Norma Aleandro, „Der Sohn der Braut“), oder Lenis Geschwister, die nymphomane Schwester (María Botto, „Broken Silence“) mit unehelicher Tochter und der streng orthodox jüdisch lebende Bruder (Fernando Ramallo, „The Heart of the Warrior“), sie alle werden der Sticheleien im Kreis der Lieben nicht müde.

Dass sich der durch Rafis Tollpatschigkeit verletzte Passant tatsächlich als das Familienoberhaupt der Dalinskys entpuppt, ist schnell klar. Umso bedauerlicher, dass das Regie-Duo Pelegri/Harari die Odyssee des an zwischenzeitlicher Amnesie leidenden platt auswalzt, während der Rest der Sippe zwischen Sorge um sein Wohl und Ahnung einer Affäre die Stadt durchkämmt. Am Ende spinnen sich die Fäden zu schnell zu einem streiterischen Knäuel zusammen, bevor alle Differenzen – auch die ideologischen – einfach unter den Tisch gekehrt werden. Es siegt die Liebe, es dominiert der von leichter Hand vollzogene Schwung zum munteren Bauernschwank. Selbst wenn mancher Witz über das Ziel hinausschießt, „Alles was ich an euch liebe“ ist eine treffsichere Komödie mit Herz, Biss und einem Schuss jener Melancholie, welcher eine Familienzusammenkunft in der Regel begleitet.

Wertung: (7 / 10)

 

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