Alien: Romulus (USA/CAN/GB/NZ/HR 2024)

„Get away from her… you bitch!” – Beitrag zur Zitatpflege: Andy

Die „Alien“-Saga braucht Heldinnen. Das Vermächtnis von Sigourney Weaver alias Ellen Ripley wiegt schwer. Nicht nur für die wegweisende Filmreihe im Besonderen, sondern auch für das moderne Kino im Allgemeinen. In der Männerdomäne action-orientierter Unterhaltung ist sie eine weibliche Ikone – und dient den nach „Alien: Resurrection“ (1997) produzierten Erweiterungen der Geschichte um die parasitären staatenbildenden Weltraum-Monster bis heute als wehrhafte Blaupause. Das gilt auch für „Alien: Romulus“, das mittlerweile siebte alleinstehende Kapitel der Reihe. Dessen Besonderheit liegt in der direkten Anknüpfung an Ridley Scotts Original von 1979, was Regisseur Fede Alvarez („Evil Dead“), der mit seinem angestammten Partner Rodo Sayagues („Don’t Breathe 2“) auch das Drehbuch schrieb, u. a. über retro-futuristische Computertechnik und handgemachte Creature-Effekte (mit Beteiligung von „Aliens“-Veteran Alec Gillis) visuell spürbar macht.

Der gesamte Film ist eine knietiefe Verbeugung – vor Scotts Ursprung der Geschichte aber auch vor James Camerons meisterlicher erster Fortsetzung. Dass Scott, neben Walter Hill („Nur 48 Stunden“), auch wieder als Produzent gelistet ist, verwundert daher kaum. Zu Beginn von „Romulus“ bergen Handlanger des Weyland-Yutani-Konzerns das von Ripley aus dem gesprengten Raumfrachter Nostromo gesaugte Alien. Danach richtet Alvarez das Augenmerk zunächst auf einen wenig lebensbejahenden Minenplaneten, auf dem Weyland-Yutani unzählige Menschen wie Sklaven ausbeutet. Eine davon ist die junge Rain (Cailee Spaeny, „Civil War“), der nach dem Tod der Eltern nur „Bruder“ Andy (nuanciert: David Jonsson, „Industry“) geblieben ist, ein vom Vater zu ihrem Schutz regenerierter Android. Der Traum vom Aufbruch in eine bessere (und buchstäblich sonnigere) Zukunft scheint greifbar, als ihr Tyler (Archie Renaux, „Morbius“) berichtet, ein verlassenes Raumschiff der Corporation wäre im Orbit des Planeten aufgetaucht.

Über die intakten kryogenischen Schlafkapseln, die weite Reisen durchs Weltall ermöglichen, wollen Tyler und drei weitere Freunde die Flucht aus der Perspektivlosigkeit wagen. Um an Bord des Schiffes zu gelangen, brauchen sie allerdings Andys Unterstützung. Bevor der klassische Horror in den Mittelpunkt rückt, reflektiert der Vorlauf auf dem düsteren Bergbauplaneten die unmenschliche Seite expansiver Wirtschaftspolitik. Der Mensch verkommt zur austauschbaren Ressource. Die bewährten erzählerischen Bahnen erreicht Alvarez mit der Verlagerung in den Weltraum – und steigert die Atmosphäre, indem sich das vermeintlich verlassene Raumschiff als gewaltige Raumstation entpuppt, die sich als Forschungseinrichtung in Anlehnung an Roms Gründungsmythologie in die Sektionen „Romulus“ und „Remus“ unterteilt. Doch was die Gruppe dort erwartet, ist ein sich schrittweise aufbauendes Grauen im Stile eines Videospiels – mit Beschaffungsmissionen, zunehmend herausforderndem Feindkontakt und Bossduellen.

Zunächst fehlt den Cryo-Kapseln die notwendige Energie. Also müssen die entsprechenden Aggregate beschafft werden. Dabei geht es ins Innere der Station, wo Dutzende Face-Hugger auf die Eindringlinge lauern und der ramponierte, in Anlehnung an Ian Holms Kunstmenschen Ash aus „Alien“ nicht zwingend überzeugend am Rechner entstandene Androide Rook Kontext über das tödlich eskalierte Wissenschaftsprojekt liefert. Dessen Ergebnis, zur Modifizierung des Menschen extrahierte Alien-DNS, soll der nach einem Update mit neuem Primärfokus versehene Andy zu bewahren helfen. Doch nicht nur dieser Plan wird durch ein frisch geschlüpftes Monster – und diverse bereits in der Station wohnhafte Artgenossen – erheblich erschwert. Dabei packen die Macher ihr Publikum mit souveränen Drehs an der Spannungsschraube sowie dosiert eingebrachten (und partiell blutbesudelten) Actioneinlagen. Für zusätzlichen Vorschub der Geschichte ist zudem durch den Kollisionskurs der Raumstation mit einem Asteroidengürtel gesorgt.

Für Rain und ihren zunehmend dezimierten Begleitkreis ist damit zwangsläufig Eile geboten. Zumindest bis zur übertriebenen finalen Konfrontation mit einem Mensch-/Alien-Hybrid; ein Kniff, der schon im erwähnten „Alien: Resurrection“ keine gute Idee war und hier mehr noch auf die misslungenen Prequel-Teile „Prometheus“ (2012) und „Covenant“ (2017) verweist. Nicht nur deshalb darf bei aller optischen Qualität des Films die Frage gestellt werden: Hätte es „Romulus“ als Ergänzung der Saga wirklich gebraucht? Die Antwort ist simpel: nein. Gerade weil der für sich stehende Appendix dem Thema keine neuen Perspektiven beschert und sich primär auf Zitate der Vorgänger verlässt. Dennoch ist der Beitrag von Alvarez und Sayagues aus Fan-Warte willkommen, da die Inszenierung dem Geist des Originals entspricht und Ripleys Heldinnen-Vermächtnis über die sehenswerte Spaeny auch diesmal gepflegt wird. Ein Ende der Reihe dürfte damit längst nicht in Sicht sein.

Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

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