Air Force One (USA 1997)

airforceonepetersenEin Film, stellvertretend für Hollywoods Traumwelt politischer Realitäten. Da ist der US-Präsident, eine schmucke Gestalt, ein Edelmann von menschlicher Größe und Weitsicht. Er hält eine Rede in Moskau, wird von seinem russischen Amtskollegen als Freund vorgestellt und verurteilt in einem flammend humanistischen Plädoyer den (fiktiven) Völkermord in der ehemaligen Sowjetrepublik Kasachstan. Der dort willkürlich herrschende Anführer wurde drei Wochen zuvor von einer Spezialeinheit gekidnappt und inhaftiert. Gerechtigkeit ist eine schöne Sache, wenn es sie oft auch nur im Kino gibt. Einen Streifen wie „Air Force One“ würde es in Zeiten russischer Muskelspiele und des medial totgeschwiegenen Tschetschenienkonflikts wohl so nicht mehr geben.

„How the hell did they get Air Force One?” fragt Vizepräsidentin Bennett (Glenn Close, „Cookie´s Fortune”) zurecht, als Terrorist Korshunov (nur echt mit Dracula-Akzent: Gary Oldman, „Romeo is Bleeding“) mit einigen Mitstreitern – und amerikanischer Schützenhilfe – die Maschine von Staatsoberhaupt James Marshall (Harrison Ford, „Die Stunde der Patrioten“) kapert. Die Sicherheitsleute werden erschossen, Besatzung, Präsidentenfamilie und -Stab als Geiseln genommen. Ziel ist die Freipressung des erwähnten kasachischen Diktators (Jürgen Prochnow, „Judge Dredd“), der in russischer Haft seine Verurteilung erwartet.

Im Trubel der Flugzeugentführung wird die Rettungskapsel ausgelöst, in der sich bei näherem Hinsehen aber kein Präsident befindet. Während also ein Krisengipfel der US-Regierung über Machtbefugnisse und das weitere Vorgehen streitet, stiftet der noch an Bord der Air Force One befindliche Marshall nachhaltiges Chaos. Als Fels in der Brandung ist es nun an ihm, sich den Terroristen in bester „Stirb langsam“-Manier in den Weg zu stellen. Und so zeigt der aufrechte Staatsmann den skrupellosen Schurken, aus welchem Holz der Machthaber der größten Nation der freien Welt geschnitzt ist.

Mensch, Krieger, Vater – Harrison Ford gibt den modernen Held mit Staatsauftrag als präsidiale Rampensau, auf die selbst als Einzelkämpfer noch Verlass ist. Jackett und Krawatte bleiben an, schließlich muss der Ritter in knittriger Rüstung die Eleganz auch im blutigen Nahkampf auf seiner Seite haben. „Air Force One“ ist ein blöder, dank Fachkräften wie Kameramann Michael Ballhaus („GoodFellas”) immerhin aber sauber inszenierter und nicht einmal unspannender Action-Thriller, den der deutsche Regisseur Wolfgang Petersen („Troja“) mit einem guten Schuss Pathos würzte. Trotz Starbesetzung – darunter auch William H. Macy („Fargo“), Philip Baker Hall („Magnolia“) und Dean Stockwell („Blue Velvet“) – bleibt der klischeeüberlagerte Reißer auf schauspielerischer Ebene ein eher mageres Spektakel.

Nach bewährtem Muster erwehrt sich der unfreiwillige Held der schwer bewaffneten Übermacht, was ansprechend unterhält, durch die großzügig verteilte Trivialität aber kaum zu größeren Ehren berufen scheint. Am Boden obendrein etwas geschwätzig, kitzelt archetypisches Kintopp den patriotischen Geist und zeigt die Überlegenheit des Westens auch in derartig prekären Situationen. Den Amerikanern mag das runtergehen wie Öl. Alle anderen dürfen sich an dieser aufgesetzten Weltverbesserung ruhig verschlucken.

Wertung: 5 out of 10 stars (5 / 10)

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