Abgerissen (RUS 2019)

Das russische Kino der Moderne ist von den anspruchsvoll progressiven Strömungen der Ära Andrei Tarkowski weit entfernt. Heute geht es vorrangig darum, internationalen Standards gerecht zu werden, um den potentiellen Erfolg über die Grenzen des künstlerischen Mutterlands hinaus zu tragen. Das führt in der Hauptsache zu konventioneller Genre-Kost, die technisch zwar mit Hollywood-Produktionen mithalten kann, häufig aber den Stallgeruch mäßiger Epigonen-Unterhaltung verströmt. Das gilt auch für Tigran Sahakyans frostigen Survival-Thriller „Abgerissen“, der bereits in den ersten zehn Minuten eine lachhafte Fülle dramaturgisch aufgebauschter Klischees verknotet – und diese in einem haltlos übertriebenem Überlebenskampf auflöst.

Katya (Irina Antonenko), ihr Freund Kirill (Andrey Nazimov, „Black Lighnting“), das Paar Vika (Ingrid Olerinskaya) und Denis (auch am Skript beteiligt: Denis Kosyakov) sowie Roman (Mikhail Filippov) wollen den anstehenden Jahreswechsel auf einem Berggipfel in einem Skiressort feiern. Mit Snowboards und Weihnachtsbaum macht die Gruppe in der Dunkelheit Selfies im Schnee, ehe sie eine Seilbahn kurz vor Mitternacht zum Ziel bringen soll. Dass die überholte Gondel eine „Overlook“-Aufschrift ziert, darf allen „Shining“-Kennern als angemessen schlechtes Omen erscheinen. Mit Recht, denn als der einzige Bediener des Lifts in der Kontrollstation durch einen absurden Unfall zu Tode kommt und die Kabine auf halber Strecke stecken bleibt, entspinnt sich ein von zunehmenden zwischenmenschlichen Spannungen befeuertes Ringen um Ausweg und Rettung.

Wenn man dem Film eines zugutehalten kann, dann ist es der zügige Einstieg. Den braucht es allerdings auch, um der überdramatisierten Vorstellung Katyas und ihren konstruierten Problemhorizonten nicht zu viel Raum zu gewähren: Eigentlich will sie sich von Kirill trennen. Nur ahnt der nichts davon, plant seinerseits gar auf dem Gipfel um ihre Hand anzuhalten. Dazu ist Katya auch noch schwanger. Aber auch davon weiß der Verlassene in spe nichts. Da er aber im Streit von der Gipfelfahrt absieht, eröffnet sich für die Eingeschlossenen zumindest ein Hoffnungsschimmer. Denn im Aufziehen eines Schneesturms bemerkt niemand die in luftiger Höhe gestrandete Gondel. Einzig Kirill ergeht sich bald in Sorge.

Dem Rausch der zweckoptimistischen, auf engem Raum improvisierten Silvesterfeier folgt schnell tödlicher Ernst, so dass die Nerven über ungelenk angeheizte Konflikte rasch blank liegen. Deren Gipfel ist die Wandlung von Pfundskerl Roman zum (buchstäblich) eiskalten Soziopathen. Das mehrt zwar den Nervenkitzel, tritt die Logik, selbst gemessen für Genre-Standards, aber allzu häufig mit Füßen. Das Agieren außerhalb der Gondel ohne wärmende Oberbekleidung kann in Sachen Absurdität glatt mit „Vertical Limit“ (2000) mithalten. Die Dynamik (und Modernität) der Inszenierung wird durch Handy-Chats und Selfie-Videos verstärkt. Von vereinzelt fiesen Szenen abgesehen bietet „Abgerissen“ aber schlicht zu wenig, um die Versäumnisse des jeder Bodenhaftung beraubten Drehbuchs aufwiegen zu können.

Wertung: 4.5 out of 10 stars (4,5 / 10)

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