A Bittersweet Life (ROK 2005)

abittersweetlife„You can do 100 things right, but one mistake can destroy everything.”

Durch die Filme Chan-wook Parks („Old Boy“) erwachte die südkoreanische Kunst der Bewegtbilder aus ihrem Schlummer. Seitdem rüttelt der Kinozwerg die Welt mit Werken wie Faustschlägen wach – und beschert ihr in reger Folge düster misanthropische Meisterstücke abseits der in Hollywood vorgegaukelten Fassade einer heilen Welt. Den Fußstapfen Parks folgt mit Jee-woon Kim („A Tale of Two Sisters”) ein weiterer Visionär menschlicher Abgründe. In „A Bittersweet Life“ verknüpft er wahrhaft meisterlich Charakterstudie mit Halbwelt-Drama.

Für seinen Boss Mr. Kang (Yeong-cheol Kim, „Long After That“) arbeitet der introvertierte Hotelmanager Kim Sun-woo (Byung-hun Lee, „Joint Security Area“) mit bedingungsloser Loyalität. Als er in Abwesenheit seines Brötchengebers dessen Geliebte Hee-soo (Min-a Shin, „Volcano High“) überwachen soll, weckt die junge Frau Sun-woos Verlangen. Mit der fatalen Konsequenz, dass er sie in einem Moment emotionaler Schwäche verschont, anstatt sie wie geheißen zu töten. Was folgt ist die marternde Konsequenz des Ungehorsams, die sich bis zu einem infernalischen Amoklauf in die Höhe schaukelt.

„A Bittersweet Life“ ist ein grabkaltes Melodram im nüchtern erzählten Stile des japanischen Enfant Terribles Takeshi Kitano („Violent Cop“). Doch im Gegensatz zu ihm und Landsmann Chan-wook Park lässt sich Jee-woon Kim auf die Möglichkeiten des modernen Kinos ein. Die exzellent geführte Kamera fängt die stark pessimistisch gefärbte Atmosphäre in anmutigen Hochglanzbildern ein. Viel gesprochen wird dazu nicht. Vielmehr schöpft sich die Intensität des Films aus der tiefgründigen Leistung seines Hauptdarstellers. Byung-hun Lee brilliert als eiskalter Racheengel und erinnert dabei nicht selten an den jungen Alain Delon.

Die Geschichte eines Helden ist „A Bittersweet Life“ nicht. Wenn der schier unerschütterliche Sun-woo im Angesicht des nahenden Todes seinen Mageninhalt in die Umgebung speit, wohnt dem grandiosen Milieufilm eine kluge Abrechnung mit den Klischees des Actionkinos inne. Entsprechend sacht und unspektakulär steuert der faszinierende Noir-Thriller auf seinen unausweichlichen Abgrund zu. Auf Tempo wird dabei nicht gesetzt. Im Vordergrund stehen die Charaktere, deren Handlungen und Motive zu einem nicht unerheblichen Grad verschlüsselt bleiben.

Action ist im Kontext des Films rar gesät und mit bedacht eingesetzt. Dennoch löst sich der glaubhafte Tenor in Erwartung einer bleihaltigen Klimax auf und gipfelt in ein stilisiertes Todesballett in bester John Woo-Manier. Durch diese Ästhetisierung des blutigen Kugelhagels bricht Autor und Regisseur Jee-woon Kim mit der inneren Ruhe seines Werkes. Doch scheitert „A Bittersweet Life“ nicht an dieser Explosion der Gewalt, sondern ebnet im scheinbaren inszenatorischen Ungleichgewicht einem Schlussbild von bittersüßer Poesie den Weg. Und solch filigrane Kinokunst obliegt momentan in erster Linie den Filmemachern Koreas.

Wertung: (9 / 10)

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