30.05.2025 – Oh Henry / LostTapes – Düsseldorf, Jacky’s Postämtchen

Der Worringer Platz ist einer von Düsseldorfs Brennpunkten. Hier vegetieren Drogenanhängige, Trinker und Obdachlose vor sich hin. Für die Stadt ist es ein kalkulierter Pissfleck – Hauptsache das Lungern erfolgt nicht direkt am nahegelegenen Hauptbahnhof. Dass der Worringer Platz aber auch ein Hort kultureller Vielfalt ist, konnte am letzten Mai-Wochenende bezeugt werden. Denn beim „Worringer Weekender“ öffneten sich Kneipen, Spätis, Ateliers, Theater und Tanzeinrichtungen für ein abwechslungsreiches Programm. Eine Station davon war Jacky’s Postämtchen, eine rund um die Uhr geöffnete Trinkstube, in die man sich abseits des Stammpublikums höchstens verirrt, wenn nach durchzechter Nacht noch ein Absacker verlangt wird. Oder das Taschengeld an den prominent postierten Spielautomaten aufgebessert werden will.

Die überraschende Größe des Ladens rechtfertigte denn auch schnell die Ansetzung des eintrittsfreien live-musikalischen Aufeinandertreffens von OH HENRY und den LOSTTAPES (alternativ: LOST TAPES). Damit die Bands Raum zur Entfaltung hatten, wurde kurzerhand der Billardtisch im hinteren Bereich (gleich neben den Toiletten) für (Musik-)Mensch und Equipment freigegeben. Das Wetter spielte mit und mit Zapfanlage auf dem Bürgersteig wurde auch vorbeilaufendes Publikum des Weekenders geködert. Ob es bei den Auftritten am Ende 80 oder 800 Zuschauerinnen und Zuschauer vor dem improvisierten Bühnenbereich gewesen sind, erscheint völlig nebensächlich. Denn die Stimmung war ausgelassen und beide Combos wurden zünftig abgefeiert. Den Anfang machten dabei die gar nicht mehr so neuen Newcomer LOSTTAPES, denen durch diverse Festivalauftritte und gewonnener Band-Wettbewerbe bereits ein gewisser Ruf vorauseilt. 

Den stützte der Vierer aus der Landeshauptstadt auch im Postämtchen. Dabei drängten sich Fragen auf: Waren die anwesenden Groupies etwas fortgeschrittenen Alters wirklich alle Verwandte der Bandmitglieder? Und wie kommen junge Menschen eigentlich im neuen Jahrtausend noch auf die Idee, Alternative-Rock zu spielen? Nun gut, bei den LOSTTAPES finden sich auch Indie- und Pop-Einflüsse, aber der Tiefton-Anteil überwiegt doch deutlich. Den Anwesenden jedenfalls entlockte der Auftritt eine Begeisterung, die nicht zwingend geteilt werden muss. Aber selbst wenn der leicht anachronistische Sound nicht den eigenen Geschmacksnerv trifft: An der Qualität der Musiker und ihrer Performance gab es rein gar nichts auszusetzen. Na gut, mit Ausnahme der kurzen Glitzer-Jeans samt passender Oberbekleidung von Sänger Tim vielleicht.  

Danach übernahmen OH HENRY die musikalische Leitung im Billard-Bereich. Die Düsseldorfer-Instrumentalfraktion mit Kölner Frontmann bewies dabei erneut, dass sie einfach größeren Anklang verdienen. Ihr deutschsprachiger Indie-Punk strahlt viel positive Energie aus und spart dabei trotzdem nicht an Haltung. Der vordere Bereich war beständig in Bewegung und zum Abschluss (bei „Glück“) gab es mit stimmlicher Beihilfe textsicherer Gäste auch im Kollektiv auf die Ohren. Neben der ganzheitlich vorgetragenen jüngsten „OH!“-EP wurden vom Debütalbum („Wo mein Herz schlägt“) – seinerzeit mit anderem Sänger eingespielt – u. a. „Von A nach B“ und „#Freunde“ geschmettert. Dass dabei auf den streitbaren Ex-Referenzhit „Yeah!“ verzichtet wurde, darf angesichts der Entwicklung des Quartetts als weiterer Sympathiepunkt verzeichnet werden. So spuckte das Postämtchen die verschwitzte Meute gegen 22 Uhr mit Ohrenklingeln und breitem Grinsen auf die Straße zurück. Der Worringer Platz hat eben mehr als Pissgeruch und Junkies zu bieten. Zumindest manchmal.

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