27.01.2006 – Simple Plan / Silverstein / Green Frog Feet – Berlin Huxley

simple-plan-tour-2006Der Berliner ist es gewohnt Konzerte zu besuchen, die nicht vor 21 Uhr beginnen. Prangt über einer Veranstaltung aber die Ankündigung, dass der Einlass bereits um 19 Uhr vonstatten gehen und das Spektakel eine Stunde später eröffnet werden soll, hat wohl die BRAVO ihre Finger im Spiel. Und tatsächlich präsentiert Deutschlands langlebigste Jugendzeitschrift die hiesige Tour von A SIMPLE PLAN. Deren Klientel besteht in erster Linie aus ekstatisch schreienden weiblichen Teenagern. Diese erschienen zahlreich im Berliner Huxley’s.

Der Eintritt belief sich auf satte 25 Euro. Gleiches Maß wählte das Tour-Management für die Preise der T-Shirts – wohlgemerkt bei allen Bands. Denn wo kämen wir hin, wenn SILVERSTEIN durch gewohnte Preispositionierung mehr Oberbekleidung unter die Leute brächte als der deklarierte Höhepunkt des Abends? Immerhin durften die Kanadier ihre aktuelle Platte „Discovering the Waterfront“ für preispolitisch adäquate 10 Euro anbieten. A SIMPLE PLAN veranschlagten für die ihrige dergleichen 18. Wie viele Sparschweine oder elterliche Brieftaschen an diesem Abend geschlachtet wurden, bleibt reine Spekulation. Fakt ist aber, dass nicht wenige T-Shirts des Headliners an die hauptstädtische Fanbasis veräußert wurden. Von wirtschaftlicher Flaute zumindest hier keine Spur.

Der Zeitplan ungewohnt früh, die Preise anmaßend – Konzerte von medial gehypten Majorbands sind bekanntermaßen eine zwiespältige Angelegenheit. Zumindest für diejenigen, die pubertäre Entwicklungen hinter sich gelassen und den Sieg des Geistes über die Hormone davongetragen haben. Aber diese Gruppe war eindeutig unterrepräsentiert. Eine weitere kaum wahrnehmbare Gruppe war GREEN FROG FEET. Die Regensburger wurden als zusätzliche Tourbegleitung für A SIMPLE PLAN verpflichtet und offensichtlich zwischen kalkulierter Einlass- und Startzeit verheizt. Denn als SILVERSTEIN gegen Viertel nach acht ihr Set eröffneten, erinnerte lediglich der Fanshop an die Anwesenheit von GREEN FROG FEET.

Wer SILVERSTEIN bei ihrer kürzlich absolvierten Headliner-Tour durch Deutschland erleben durfte, weiß um die energiegeladene Performance des Quintetts. Heute blieb die Qualität zumindest gewahrt, wenngleich die Band nicht explodierte. Wie auch bei einer halben Stunde Spielzeit, technischen Schwierigkeiten und Zuschauern, die bei der wiederholten Erwähnung von „Hi, we’re Silverstein. We’re from Canada.“ in frenetischen Jubel ausbrachen? Frontmann Shane Told spielte zwar auf amüsante Weise mit dem Publikum, welches sich förmlich um die ins Auditorium geworfenen Wasserflaschen balgte. Doch konnten auch wortreiche Intermissionen kaum kaschieren, dass Veranstaltung und Bühne eine Nummer zu groß für SILVERSTEIN waren. Als er fragte, ob sich unter den Zuschauern Straight Edge-Kids befänden und Deutschland diese Lebenseinstellung überhaupt kenne, wurde es still. Die darauf hochgereckten Arme galten der geworfenen Wasserflasche von Gitarrist Josh Bradford, nicht Shanes Ausführungen über den Verzicht auf Drogen und Alkohol.

Musik wurde auch gespielt, vornehmlich Stücke ohne ausufernden Hardcore-Anteil. „My Heroine”, dem die verpatzte Straight Edge-Einleitung galt, wurde „Always and Never” vorgezogen, „Defend You“ zugunsten „Discovering the Waterfront“ ausgespart. Bei letzterem regten sich gar Feuerzeuge, bei „Smash Into Pieces“ versagte die Technik. Immerhin wurde „Your Sword vs. My Dagger“ und „Smile in Your Sleep“ gespielt. Das kurze Gastspiel überzeugte, präsentierte SILVERSTEIN aber musikalisch ein wenig zahmer als es die Band eigentlich ist. Der folgende Andrang an ihrem Bereich des Merchandise-Standes verdeutlichte immerhin die Überzeugungskraft ihrer Darbietung.

Für A SIMPLE PLAN gab ich rasch meinen Platz hinter dem Mischpult – die Abschiebeparzelle für wartende Eltern – auf. Ich hatte einiges erwartet, doch was sich in der Folge im Publikum abspielte, übertraf meine kühnsten Befürchtungen. Anhand der Oktavenhöhe des Geschreis ließ sich der Altersdurchschnitt im Publikum ermessen, als die „Boys“ die Bühne betraten. Geboten wurde massenkompatibler Retorten-Pop-Punk, der selbst BLINK 182 peinlich wäre. Kids stolperten übereinander, sangen jede Textzeile mehr oder weniger sicher mit und verschmolzen zu einer Masse frenetischen Wahnsinns. Bereits beim zweiten Song musste außerhalb des Konzertsaals ein minderjähriges Mädchen mit Kreislaufproblemen behandelt werden. Ich war der Meinung, kollabierende Teenies wären ein Gerücht, um besorgten Eltern Gründe für Veranstaltungsverbot ihrer Sprösslinge zu geben. Ich hatte mich getäuscht.

Modetechnisch war jeder Trend vorzufinden – das Palästinensertuch, der Nietengürtel, meterdickes Kajal. Ein etwa sechzehnjähriges, zierliches Girlie präsentierte offen ihren flächendeckend tätowierten Oberarm, eine kurzhaarige Mittdreißigerin ein Shirt mit der Aufschrift „Ficken Fetzt“. Wenn eine Band mit ihrem Publikum steht oder fällt, dann fielen A SIMPLE PLAN trotz Hochjubel tief. Die Akustik war eine Bombe, die Songs beliebig austauschbar. Zumindest ersparte die Band choreographierte Bewegungsmuster. Es scheint, als würden sie dieses Bad im Jubel Minderjähriger tatsächlich lieben. Es sei ihnen gegönnt, selbst wenn ein bitterer Beigeschmack bleibt. In der Parzelle für abgeschobene Elternteile zogen Väter und Mütter ihre einsamen Runden. Um Viertel nach zehn, knapp 75 Minuten A SIMPLE PLAN waren verstrichen, hatte ich genug. Gedanken wie „Hätte ich für diesen Mist auch noch Geld bezahlt, würde ich jetzt das Inventar zertrümmern“ schossen mir durch den Kopf. Aber worüber beschweren, von einem Kinder-Kreisch-Konzert kann kaum mehr verlangt werden als Poser-Schaulaufen und Kindergeburtstag. Und dahingehend bediente die Fangemeinde von A SIMPLE PLAN ihre Idole mit beiden Händen.

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