2046 (CN/HK/F/D 2004)

2046Nordfrankreich im Mai 2004. Eine hochkarätig besetzte Jury um Regie-Ikone Quentin Tarantino vergibt die „Goldene Palme“ an einen dicken, ausnahmsweise gekämmten Mann aus Flint, Michigan. Damit war es offiziell – das altehrwürdige Festival de Cannes ist politisiert worden. Der künstlerische Film wurde auf die Plätze verwiesen um eine Dokumentation zu würdigen, die an Qualität nicht einmal annähernd an ihren eigenen Vorgänger herankam. Besonders deprimierend: Der Beitrag des Regisseurs Wong Kar-Wai erfuhr überhaupt keine Würdigung – ein großer Fehler wie jetzt auch der deutsche Kinogänger feststellen kann. „2046“ läuft dieser Tage hierzulande an.

Anno 2000 ging ein Ruck durch die Kinolandschaft der westlichen Hemisphäre. Allroundtalent Ang Lee veröffentlichte seinen Film „Tiger & Dragon“ und plötzlich waren Namen wie Chow Yun-Fat und Chen Chang nicht mehr nur Programmkinogängern und Videoten, sondern eben auch der breiten Masse des Multiplexkonsumenten bekannt. Fünf Jahre später haben wir Filme wie „Hero“ kommen und gehen gesehen. Der Manga macht sich nicht nur im Nachmittagsprogramm von RTL 2, sondern auch in Publikumsvideotheken und Kinosälen breit. Fernost war mit einem Schlag wieder so cool wie seit dem „Mann mit der Todeskralle” nicht mehr.

Zur gleichen Zeit, also zur Jahrtausendwende, stellte auch Wong Kar Wai einen Film vor: „In the Mood for Love“ wurde von Kritikerkreisen bejubelt und auch die Programmkinogänger befanden den Film für gut. Unworte wie „Kult“ wurden genutzt, um den Film zu charakterisieren – und das nicht mal zu Unrecht. Der leise Film besticht durch herausragende Darsteller und eine treffende Inszenierung. „2046“ tut es ihm nicht gleich – er übertrifft „In the Mood for Love“ noch.

Hong Kong in den 60ern. In einem kleinen, halbwegs heruntergekommenen Hotel wohnt in Zimmer 2047 der Journalist und Autor Mr. Chow (Tony Leung, „Hero”), ein Spieler, Trinker und Womanizer. Das Zimmer nebenan, 2046, wird regelmäßig von jungen Frauen bewohnt, die Mr. Chow scheinbar zufällig betört – beliebtes Datum dafür ist der 24. Dezember. Denn an Weihnachten braucht Mr. Chow Nähe. Seine Erfahrungen verarbeitet er in Science-Fiction-Geschichten – mal geht es um die ewige Suche nach gemeinschaftlichem Glück, mal um die Suche nach Emotionalität. Der Film zeigt hauptsächlich die Geschichte von Mr. Chow, durchsetzt mit den von ihm geschriebenen Geschichten „2046“ und „2047“.

In wunderschönen Bildern, geschaffen von Kameramann Christopher Doyle, erzählt Wong Kar-Wai die Geschichte um die innere Zerrissenheit des Mr. Chow. Tony Leung, mit scharfem Scheitel und strengem Bärtchen, zeigt eine beeindruckende Leistung. Neben fernöstlichen Größen wie Gong Li („The Great Conqueror’s Concubine”) und Faye Wong („Hero”) besticht vor allem Zhang Ziyi („Tiger & Dragon”), die wohl bekannteste Schauspielerin aus dem Reich der Mitte. Sie verkörpert Bai Ling, eine Prostituierte, die sich in Chow verliebt und – natürlich – in Zimmer 2046 residiert.

„2046“ ist ein Film, der einfach funktioniert. Er ist schwermütig, ein Melodram, das nie in den Kitsch abrutscht. Es gibt keinen Grund, ihn nicht zu sehen.

Wertung: (9 / 10)

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