17.12.2010 – Weihnachten verhindern!!! u.a. mit Pascow / Kumpelbasis – Berlin SO36

weihnachtenverhindern2010Ist Weihnachten noch zu verhindern? Und kann der Weltuntergang überhaupt abgeschafft werden? Eine Antwort lieferte der Festivalabend mit der klangvollen Überschrift ´Weihnachten verhindern!!! …und Weltuntergang abschaffen!´ zwar nicht, doch bemühten sich alle Beteiligten (und Anwesenden) nach Leibeskräften, Heuchlerfest und Apokalypse den (ideologischen) Stinkefinger zu zeigen. Das von THE BOTTROPS und Bierschinken (dem Webzine, nicht der Wurstware!) präsentierte Konzertereignis zog die Weihnachtsmuffel scharenweise ins SO36 und bot auch dem Nachwuchs die Chance sich einen Namen zu machen.

Denn zum Auftakt feierten RAKETE X-BERG Premiere auf den Brettern eines echten Clubs! Die fünf Schüler, an der Gitarre professionell von einem Erwachsenen unterstützt, mögen im Durchschnitt 12 Lenze zählen, ihr Rock allerdings kam nicht nur bei den vor Stolz dem Platzen nahen Eltern vor der Bühne gut an. Nach so einem Einstand sollte Berlins jüngste Combo die (zum Frühstart vor Ort noch unterrepräsentierte) Punkergemeinde im Sturm erobern. Kurze Zeit später kamen ZACK ZACK an die Reihe, die punkigen Rock ’n Roll mit deutschen Texten und Pop-Appeal boten. Das machte Laune und erinnerte nicht selten an THE QUEERS. Überschaubare Akkorde selbstredend inklusive!

Um kurz nach Neun bereits betraten KOTZREIZ die Bühne und heizten dem stetig wachsenden Pulk – beim Höhepunkt mit PASCOW dürften es rund 450 Weihnachtsverweigerer gewesen sein – mächtig ein. Die Hauptstädter kombinieren treibenden Punk-Rock mit experimentellen Nuancen und den Zeitgeist karikierende Nonsens-Texte. Entertainer-Qualitäten stellte das Trio aber nicht bloß bei den Songs (u.a. „Berlin“, „Saufen“ und „Bauarbeiter stürb“), sondern auch den Ansagen unter Beweis. Wer dabei keinen Spaß hatte, war bestimmt schon knülle! Ähnlich launig weiter ging es mit den Kiez-Größen von KUMPELBASIS, die den Deutsch-Punk aber stimmungsvoll mit Bläsern untermalten.

Mit Matrosenoutfits, Bombensound und mächtiger Spiellaune steigerte die Band die Stimmung auf den vorläufigen Höhepunkt. Nummern wie „Liebesbrief“, „In meiner Straße“ oder das SLIME-Cover „Alptraum“ wurden mit erhobenen Fäusten und geschwungenen Tanzbeinen gewürdigt. Aber wer dachte, das Publikum wäre damit bereits genug aus dem Häuschen gebracht, der sah sich spätestens beim ersten Akkord von PASCOW schwer getäuscht. Die Band aus dem pfälzischen Gimbweiler darf ohne Übertreibung als neue Hoffnung des deutschsprachigen Punks bezeichnet werden. Vergleiche mit den frühen …BUT ALIVE sind da nicht mal übertrieben.

Den Rotz der Konserve retteten die Jungs vortrefflich in den Liveklang und stachelten den Pulk mit Feuereifer zu einem bewegungsintensiven Gewühl zwischen Pogo und Bühnentauchen an. Das Set – gespielt wurden u.a. „Äthiopien die Bombe“, „The Weltordnung is the Fuck“, „Das ist Gimbweiler Not L.A.“ und „Ich hab Hollywood besiegt“ – wurde schier frenetisch abgefeiert. Wer es noch nicht begriffen hat, dem musste es in diesem Augenblick klar werden: An PASCOW wird in naher Zukunft kein Weg vorbei führen! Die um kurz vor Mitternacht startende Hamburger Ska-Fraktion NO LIFE LOST brachte anschließend Ruhe ins SO36. Vor allem, weil sich ein Gutteil der Meute rasch in die kalte Nacht verabschiedete.

Neben den stimmungsvollen Reggae-Rhythmen der Norddeutschen verpassten die zahlreichen Abgänger zu vorgerückter Stunde noch den ´Gott of Schlager´ Christian Steiffen. Der soll an dieser Stelle der Fairness halber allerdings bloß Erwähnung finden. Denn auch der Schreiber dieser Zeilen zerstreute sich noch vor dem Abgang von NO LIFE LOST in die Kreuzberger Nacht. Was bleibt sind so eindrucksvolle wie unterhaltsame Auftritte mit starker Beteiligung des Publikums sowie der von KUMPELBASIS-Frontmann Stevie vorgebrachte Satz des Abends: „Der nächste Song handelt um Probleme wenn man T-Shirts hat“. Wenn Weihnachten und Weltuntergang nicht vor solcher Eloquenz kapitulieren, ist das Erdenrund wohl endgültig verloren!

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