13 Hours – The Secret Soldiers of Benghazi (USA 2016)

„You can’t put a price on being able to live with yourself.“ – Militanter Helfer in der Not: Jack

Ein ernsthaftes Werk von Michael Bay? Jenem eingefleischten Blockbuster-Maestro, der auf der Leinwand ohne nennenswertes erzählerisches Geschick bevorzugt alles in Rauch aufgehen lässt, was sich in erahnbarer Nähe der Kamera befindet? Verblüffend, aber wahr. 2016 unterbrach er den gefühlt endlosen „Transformers“-Marathon für „13 Hours“. Auf Basis des Buches „The Inside Account of What Really Happened in Benghazi“ rekonstruiert der auch produzierende Filmemacher den Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi am 11. September 2012. Der Vorfall brachte die damalige Außenministerin Hillary Clinton in Erklärungsnot und wurde sogar Gegenstand eines Untersuchungsausschusses.

Ausreichend kritisches Potenzial läge dem Stoff also zugrunde. Doch an einer differenzierten Auseinandersetzung mit Hintergründen und Verfehlungen ist den Machern – das Drehbuch schrieb „The Town“-Autor Chuck Hogan – nicht gelegen. Das ist bedauerlich, sollte beim Blick auf das Bay’sche Oeuvre (auch hier durch Selbstzitate wie die von der Kamera verfolgte Mörsergranate manifestiert) aber nicht weiter verwundern. Was bleibt ist ein auf realen Ereignissen fußender Actionfilm in spannungsgetriebener Inszenierung. Die Motive der Angreifer werden mit Erwähnung des kontroversen Amateurfilms „Innocence of Muslims“ in einem Nebensatz abgehandelt. Die viel diskutierten Verbindungen zu Terrornetzwerken bleiben hingegen gänzlich ausgespart.

Die komplexe Exposition wird über Texttafeln und Dokumentaraufnahmen zusammengefasst: Nach dem lybischen Bürgerkrieg und dem Sturz von Machthaber Muammar al-Gaddafi herrscht Chaos. Bandenkriege werden mit den geplünderten Waffenarsenalen des Diktators ausgetragen. Internationale Botschaften und Konsulate werden geschlossen. Im Mittelpunkt der Erzählung steht ein geheimer CIA-Außenposten, der von sechs im Kampf geschulten Sicherheitskräften mit üppigem Bartwuchs bewacht wird. Die Präsenz der von Tyrone Woods (James Badge Dale, „The Walk“) befehligten Männer, darunter sein kurzfristig eingeflogener Freund Jack Silva (John Krasinski, „Das Büro“) und der vorlaute Kris Paronto (Pablo Schreiber, „American Gods“), wird von den Analysten um Stationskommandant Bob (David Costabile, „Breaking Bad“) eher kritisch beäugt. An eine akute Gefahr glaubt niemand.

Doch natürlich kommt es anders. Nicht allein, weil es der Realitätsgehalt so will, sondern auch, weil Bays Umsetzung kein anderes Auskommen zulässt. Mit Authentizität vorgaukelnder Wackelkamera kreiert er ein Szenario steter Anspannung, in dem für die US-Agenten auch vor dem Angriff nie erkennbar ist, wer denn nun Freund oder Feind ist. Betrachtet man „13 Hours“ als typisches Hollywood-Vehikel, geht die Rechnung auf. Als Lehrstunde militärischer Effizienz – und in nichts anderes als das mündet die Erzählung – bleibt der Film dennoch ein zweischneidiges Schwert. Von Verherrlichung kann trotzdem keine Rede sein. Das zeigt vor allem die im Detail heftige Gewalt, die zeitgemäß ungeschönt wirkt, dabei aber weder eine Anti-Kriegs-Message noch eine anders geartete kritische Haltung transportiert.

So bleibt, als US-Botschafter J. Christopher Stevens (Matt Letscher, „The Flash“) in die Region reist und von einer gesichtslosen Meute extremistischer Aufrührer attackiert wird, nur der Beistand der sechs Sicherheitskräfte. Während Hilfe aus der Heimat ausbleibt und Bob zögert, um den geheimen CIA-Posten nicht zu gefährden, trifft Woods die Entscheidung des Eingreifens selbst. Ohne Rücksicht auf die eigene Versehrtheit dringen die kriegserfahrenen Familienväter in das unübersichtliche Kampfgebiet ein – und müssen letztlich die Erstürmung der Geheimdienstbasis verhindern. Das dem Film anhaftende Pathos geht dabei nicht vom klassischen Alamo-Szenario aus, sondern dem Blick in die Heimat. Wenn die Männer mit Frauen und Kindern telefonieren und sich im Angesicht des drohenden Todes an die Fotos ihrer Lieben klammern, wird unmissverständlich klar, für wen sich das Kämpfen lohnt. Von Distanz fehlt jede Spur, gerade bei der finalen Hervorhebung der öffentlichen Entschuldigung aus Lybien. Aber so ist das Kino des Michael Bay: Hauptsache es kracht.

Wertung: 6 out of 10 stars (6 / 10)

Ähnliche Beiträge

  • Watchers (CAN 1988)

    „A Boy and His Dog“ einmal anders. Das heißt: Eigentlich sind es ein Hund und ein grunzendes Monster, die als Antwort auf die Herausforderungen moderner Kriegsführung dienlich erscheinen – und nach ihrer Flucht aus einem Regierungslabor für Bevölkerungsschwund in der US-Provinz sorgen. Nach Bestsellerautor Dean R. Koontz zeigt „Watchers“ die Folgen biogenetischer Versuchsreihen. „Excessive Force“-Regisseur…

  • Fahrenheit 9/11 (USA 2004)

    Der amtierende US-Präsident George W. Bush muss weg! Diese klar fokussierte Ausrichtung kosmopolitisch interessierter wie engagierter Individuen teilen weltweit nicht erst seit dem erneuten Auflodern des verheerenden Krieges im Irak Millionen von Menschen. Einer der namhaftesten Wortführer dieser ideologischen Gruppierung im Geiste ist der umstrittene amerikanische Erfolgsautor und Dokumentarfilmer Michael Moore. Mit der Veröffentlichung des…

  • In Hell – Rage Unleashed (USA 2003)

    Der amerikanische Ingenieur Kyle Lord (Jean-Claude Van Damme) arbeitet für seine Firma in einer der vielen russischen Republiken. Nachdem seine Frau von einem Vergewaltiger umgebracht wurde und er diesen nach dessen Freispruch tötet, wird er selbst als Mörder verurteilt. Er landet im heruntergekommenen Gefängnis Marquezas, das mit eiserner Hand regiert wird. Dabei hat der berüchtigte…

  • Die Welle (D 2008)

    Der Deutschen größter Alptraum ist die Wiedererrichtung des Naziregimes. Aber ist das überhaupt möglich, lässt sich unsere Demokratie und damit verbunden das Grundgesetz einfach so außer Kraft setzen? Und wie funktionieren eigentlich die Verblendung der Massen und ihre ideologische Gleichschaltung? Gymnasiallehrer Rainer Wenger (Jürgen Vogel, „Der freie Wille“), Kind der 68er-Bewegung, wagt während einer Projektwoche…

  • Shark Hunter (USA 2001)

    Der Megalodon, die Spezies des Ur-Hais, treibt bevorzugt im amerikanischen B-Film sein Unwesen. Wo auch sonst, bleibt den direkt für den Videomarkt produzierten Nachzüglern des Tier-Horror-Sujets doch kaum etwas anderes übrig als ausgelutschten Filmstoffen mit dem Tick riesenhafter Austauschmonster zu widerstreben. „Shark Hunter“ ist ein solches Beispiel. Ein billig produziertes obendrein. Wenig Anlass zur Freude…

  • Sharkansas Women’s Prison Massacre (USA 2015)

    „Crap on a cracker.“ – Doch nicht süß: Honey Der B-Monsterfilm wird seit Jahren von absurden Tier-Variationen dominiert. Im Fokus steht dabei meist der (buchstäblich) gemeine Haifisch, der durch Schnee und Sand pflügt, als Geist oder Zombie sein Unwesen treibt und in Wirbelstürmen über amerikanische Landstriche herfällt. Neuester Beitrag im qualitätsarmen Bunde ist „Sharkansas Women’s…