127 Hours (USA/GB 2010)

127-hoursSpätestens mit seinem achtfach Oscar-prämierten Drama „Slumdog Millionaire“ ist Danny Boyle in die Riege der wichtigsten Regisseure der Gegenwart aufgestiegen. Der bewegungsintensive Inszenierungsstil des Briten gilt seit seinem Durchbruch „Trainspotting“ als Markenzeichen. Diesem frönt er auch im für sechs Oscars nominierten Survival-Drama „127 Hours“, das, basierend auf Aron Ralstons Erlebnisbericht „Between a Rock and a Hard Place“, dessen dramatischen Überlebenskampf in einer Felsspalte des Blue John Canyon in Utah im April 2003 beschreibt.

Während einer Klettertour stürzt Aron, mitreißend verkörpert vom Oscar-nominierten James Franco („Milk“), in die Spalte. Ein mitgerissener Felsbrocken zerschmettert die rechte Hand und klemmt seinen Arm ein. Allein befreien kann er sich nicht und da er niemanden über seinen Verbleib aufgeklärt hat, ist die Hoffnung auf Rettung im zerklüfteten Naturpanorama gering. Die Erlösung folgt mit zunehmender Verzweiflung erst nach 127 Stunden, wenn sich Aron den Arm unterhalb des Ellenbogens mit einem stumpfen Taschenmesser abtrennt. Mit letzten Kräften entsteigt er seinem steinernen Gefängnis und wird schließlich gerettet.

Die Geschichte erregte seinerzeit weltweit aufsehen. Für die Amerikaner ist es ein Schicksal nach Maß. Der Triumph des Geistes über die urgewaltige Natur, der unbedingte Überlebenswille. Der echte Aron, am Schluss kurz in die Kamera lächelnd, wurde berühmt, gastierte in Talkshows und schrieb seine Grenzerfahrung nieder. Was Regisseur und Co-Autor Boyle daraus macht, ist eine visuelle Achterbahn, die mit Split-Screens und dynamischer Wackelkamera fast schon anbiedernd modern wirkt. Anders als beispielsweise „Into the Wild“ scheint sein Film die ständige optische Unruhe und die rauschhafte Inszenierung als Zeichen des eigenen Selbstverständnisses zu brauchen.

Aber wäre es nicht um die beeindruckende Solo-Performance Francos, der Verdacht, Boyle wäre an der Wirkung der Bilder mehr interessiert als der realverbundenen Figur, ließe sich sicher weit schwerer zerstreuen. Über das Spiel seines Hauptdarstellers legt er eine flirrende Collage, die mitunter an Oliver Stones gallige Mediensatire „Natural Born Killers“ erinnert. Das lange Warten und Harren, der Kampf gegen die Kälte, Dehydration und das Nachlassen der körperlichen Kräfte, komprimiert Boyle als rastlosen Trip im Zeitraffer. Halluzinationen mischen sich mit Erinnerungsfragmenten und Arons auf den Camcorder gesprochene letzte Worte an seine Familie.

Gedanken und Gefühle werden in Bilder übersetzt. Der sich steigernde Durst wird mit Auszügen von Erfrischungsgetränke-Werbespots unterlegt. Natürlich ist die rasante Bilderflut für Boyle und gleichsam den Zuschauer der Weg des geringsten Widerstands, um an Arons Extremerfahrung Anteil zu nehmen. Aber in den Vordergrund strebt nicht der Mensch, sondern nur die außergewöhnliche Situation. Darüber hinwegtäuschen können auch die kurzen Auftritte von Kate Mara („American Horror Story“), Clémence Poésy („In Bruge“) oder Treat Williams („Hair“) nicht. „127 Hours“ ist ein fraglos packendes Drama. Nur hätte es dafür wahrlich nicht solch selbstzweckhafter visueller Übertreibung bedurft.

Wertung: 6.5 out of 10 stars (6,5 / 10)

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