02.11.2010 – Samiam / The Casting Out / A Death In The Family – Köln, Underground

Klassiker brauchen keine neuen Alben. SAMIAM ohnehin nicht. Das bewies ihr letztes Studioalbum „Whatever’s Got You Down“, welches mehr eine Enttäuschung als das erhoffte neue Meisterwerk war. Dem Stellenwert dieser Band hat das nicht geschadet, das belegte heute mal wieder ein ausverkauftes Underground. Den Anfang machten A DEATH IN THE FAMILY, ein sympathisches Punkrock-Quartett aus Australien. Diese begannen zu sehr früher Stunde, so dass lediglich vier, fünf Songs wahrgenommen werden konnten. Der Sound war einer ersten Vorband entsprechend durchwachsen, was sich jedoch nicht auf die Stimmung im Saal auswirkte. Ihr hemdsärmeliger Punk – bei dem teilweise drei Stimmen im Einsatz waren – im Stile von NOTHINGTON oder POLAR BEAR CLUB passte in den Rahmen und der Einsatz stimmte. Noch vor halb neun waren sie aber wieder von der Bühne verschwunden.

Auf Abschiedstour durch deutsche Lande befinden sich bekanntlich THE CASTING OUT. Wo aber war Nathan Gray? Erst als die gesamte Band bereit war, kroch auch er aus seinem Loch. Entweder hatte er in diesem bis kurz vor dem Auftritt geschlafen oder aber er war dezent betrunken. Zumindest der versoffen wirkende Gesichtsausdruck und anfängliche leichte Orientierungslosigkeit ließen darauf schließen. Nach zwei Songs war Gray aber auf Betriebstemperatur. Da wurden Belanglosigkeiten ausgetauscht, ein paar Witze gerissen und bekannte Leute im Publikum entdeckt. Dieses steigerte sich im Laufe des Sets übrigens ebenso wie der Frontmann. Da wurde teilweise ordentlich mitgesungen, zumindest aber in bestätigender Weise mit dem Kopf genickt. Das blieb auch Nathan Gray nicht verborgen, dessen häufiges „Whoo“ so etwas wie „Awesome“ bedeuten sollte. Ihren Weg ins Programm fanden weitgehend Songs vom neuen Album. Diese machten live etwas mehr her, aber trotzdem hätte ich mir zum Abschluss ein ausgewogeneres Set gewünscht. So blieben unter anderem „These Alterations“, „Liar“, „Your Last Novelty“ und auch „The Ebbing Of the Tide“ auf der Strecke. Besonderen Jubel ernteten THE CASTING OUT mit „Heaven Knows“, bei dem der Sänger zum Abschluss bekanntlich in altes (und bald wieder neues?) BOYSETSFIRE Geschrei abdriftet. Ein netter und kurzweiliger, wenn auch nicht komplett überzeugender Auftritt.

Die Jungs von SAMIAM tummelten sich schon geraume Zeit vor ihrem Auftritt unter den Leuten. Sergie Loobkoff bspw. lauschte A DEATH IN THE FAMILY unmittelbar von Reihe eins aus und unterhielt sich noch zwei Minuten vor dem Auftritt am Tresen. Standesgemäß ging es mit „Sunshine“ los, sogleich wurden Fäuste gereckt und Textzeilen mitgesungen. Der Sound war gut, aber etwas zu leise. Dafür war die Band in guter Form. Nicht so betrunken wie teilweise in der Vergangenheit und vor allem Sänger Jason Beebout war stimmlich so gut drauf wie lange nicht mehr. Das Set wurde weitgehend von den Klassikern bestimmt. Richtig lautstark wurde erstmals bei „Mud Hill“ mitgesungen, erste Crowd-Surfer kamen kurze Zeit später beim kongenialen „Dull“ zum Zuge, während die Textzeile „Because life can be so dull” aus unzähligen Kehlen mitgesungen wurde. „Wisconsin“, „Factory“, „Capsized“, „Stepson“ oder „She Found You“ folgten, dazwischen immer wieder ein paar Späße, bei denen sich vor allem Gitarrist Sergie in den Vordergrund quatschte. Gern ging es dabei gegen den Burt-Reynolds-Gedächtnis-Bart von Gitarrist Sean Kennerly, den sich Sergie während der ersten Zugabe aus Tapeband nachklebte.

Nach knapp 50 Minuten verschwanden SAMIAM, um jene erste Zugabe mit den Jungs von A DEATH IN THE FAMILY zu spielen, während sich diverse Mitglieder von SAMIAM ins Publikum stürzten. Danach gab es „Storm Clouds“ vom letzten Album zu hören, während mit dem finalen „Full On“ nochmals alle (stimmlichen) Reserven mobilisiert wurden.
Man darf getrost festhalten, dass SAMIAM weiterhin zu den begeisterungsfähigsten Live-Bands überhaupt zählen. Von all den Konzerten war es heute ein gutes, aber es reichte nicht an solch legendäre Auftritte wie vor Jahren mit THE DRAFT im Berliner Kato heran. Wohl aber auch, weil man noch fahren musste, somit kein Alk floss und der nächste Arbeitstag im Hinterkopf schwirrte. Der Alltag kann also selbst Klassikern gefährlich werden.

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