01.05.2015 – Groezrock 2015 u.a. mit Social Distortion, Pennywise, Lagwagon – Belgien Meerhout (Tag 1)

groezrock-2015-finalIm Festivalkalender ist das Groezrock bei vielen Musikbegeisterten fett markiert. Wo sonst findet man derart viele hochkarätige Bands aus den Bereichen Punk und Hardcore auf einem Haufen? Dazu gibt sich die noch immer überschaubare Veranstaltung weniger kommerziell als etwa die Warped Tour, so dass, wer nicht vom Marketing-Schaulaufen der Sponsoren behelligt werden will, durchaus Ruhe erfährt. Soweit das bei mehr als 90 Bands auf fünf Bühnen überhaupt möglich ist.

Die 2015er Ausgabe durfte eingefleischten Freunden krawalliger Beschallung wie ein Rücksturz in die späten Neunziger, der Wonnephase von Fat Wreck, Epitaph und Burning Heart, vorgekommen sein. Denn mit PENNYWISE, LAGWAGON, GOOD RIDDANCE, MILLENCOLIN, SATANIC SURFERS, FRENZAL RHOMB, RAISED FIST oder REFUSED wurde eine ganze Riege alter Bekannter aufgefahren. Zugegeben, wirklich überraschend mutete das nicht an. Doch bot das Line-up in der Tiefe einmal mehr genug Raum, um neue Bands und frische persönliche Highlights zu erleben.

Die Festivalbedingungen – kein Regen, nicht zu heiß – waren optimal. Angesichts des jährlichen Bandmarathons eine durchaus dankbare Voraussetzung. Seitdem die MacBeth-Stage, auf der vom Publikum vorab gewählte Combos Raum zur Präsentation erhalten, als offizielle Bühne deklariert wird, haben die Überschneidungen im Zeitplan stetig zugenommen. Wer also möglichst viele Bands erleben wollte, brauchte Zeitmanagement und frische Beine. Noch nicht zwingend zum Startschuss am ersten Maifeiertag, den der noch überschaubare Pulk in sichtlicher Gemütlichkeit erlebte.

groezrock-2015-gnarwolvesFür erste Ausrufezeichen sorgten THE SWELLERS aus Michigan, deren melodischer Punk-Rock auf der Hauptbühne (Monster Energy) spürbar Lust auf mehr machte, sowie BRUTUS, die auf der mittelgroßen Back to Basics-Stage Hardcore-Punk mit Sängerin und Orgel boten. Den ersten Knaller stellten (erwartungsgemäß) die GNARWOLVES, die um halb zwei die zweitkleinsten Bretter im The Revenge-Zelt erstürmten. Der Punk der Briten gibt sich melodisch, rau und zeitweise ungestüm. Das Set bot viele Hits (darunter „Boneyard“, „Bottle to Bottle“, „Smoking Kills“ und „Everything You Think You Know“) und die Band wurde im ansprechend gefüllten Rund überraschend textsicher und mit zünftigem Stagediver-Einsatz abgefeiert. Hoffentlich bis bald in den kleinen Clubs!

Auf der Main Stage sorgten MASKED INTRUDER im Anschluss gleich für den nächsten Höhepunkt. Die Pop-Punk ‘n Roller mit verschieden farbigen Sturmhauben traten in Polizeibegleitung (Officer Brave) vor ihr Publikum, warben für Einbrüche und brachten die Meute mit amüsanter Show sowie starkem Set („I Don’t Wanna Be Alone Tonight“, „Most Beautiful Girl“, „25 to Life“, „I Fought the Law“, „Crime Spree“) in Wallung. Bei „Heart Shaped Guitar“ bot die Sängerin von NOT ON TOUR stimmliche Unterstützung und Officer Brave nutzte die Spielzeit für Patrouillengänge durchs Publikum. Ein Auftritt, der einfach glücklich machte.

Ebenfalls im größten Zelt spielten THE DWARVES und AGAINST ME!. Der Punk ‘n Roll der Erstgenannten machte Laune und bot mit „Let’s Fuck“, „Sluts of the USA“ oder „Free Cocaine“ ausreichend alte Gassenhauer. Mit AGAINST ME! erklomm die Stimmung einen vorzeitigen Höhepunkt. Der Sound der (Punk-)Rocker um den zur Weiblichkeit konvertierten Tom Gabel (jetzt Laura Jane Grace) war fett, das Set fuhr mit „I Was a Teenage Anarchist“, „Transgender Dysphoria Blues“, „Pints of Guinness Make You Strong“, „FuckMyLife 666“ oder „White People for Peace“ eine schicke Bandbreite ihres Schaffens auf. Ein packender Auftritt und zugleich willkommener Aufruf zur Toleranz.

groezrock-2015-masked-intruderDer Nachmittag zog mit wonnigem Metal-Hardcore von STICK TO YOUR GUNS (auf der zweitgrößten Impericon-Stage) und dem wiederum überzeugenden, wenn auch nicht eben begeisternden Folk-Rock der SMITH STREET BAND (im Revenge-Zelt) vorüber. Vor denen machten FRNKIERO AND THE CELLABRATION mit eingängigem Melodic-Hardcore auf sich aufmerksam. Auf der MacBeth-Bühne nahmen YOU MAY KISS THE BRIDE anschließend die wiedererstarkten ATREYU vorweg und boten Metal-Hardcore mit Klargesangsschnipseln. Das wirkte nicht nur abgestanden, sondern auch ein wenig billig.

Bevor besagte ATREYU gegen halb sieben auf der Hauptbühne ein großes Publikum zogen, war es an den sympathischen Indie-Rockern von MOTION CITY SOUNDTRACK, der Menge einzuheizen. Aber welcher Menge? Für die Verhältnisse der Main Stage – und des voranschreitenden Nachmittags – blieb das größte Zelt erstaunlich verwaist. Das Set war nett („L.G.F.U.A.D.“, „The Future Freaks Me Out“), der Auftritt überzeugend. Über das Prädikat „ganz okay“ reichten die Mannen aus Minneapolis insgesamt aber nicht hinaus. Wer sie also nicht erlebte – und das waren die meisten –, verpasste nicht viel.

Selbiges gilt übrigens für ATREYU, die vorrangig ein Best of-Set ihrer ersten beiden Platten auftischten (u.a. „Right Side of the Bed“, „A Song for the Optimists“, „Bleeding Mascara“) und gleich noch ein neues ankündigten. Die Musik der Kalifornier allerdings wirkt arg überholt und trotz solider Performance wurde ihr Auftritt mehr milde belächelt denn wirklich abgefeiert. Ihnen folgten die BROILERS, deren deutschsprachiger Rock kaum Interesse weckte. Auch sie gingen routiniert zu Werke, spielten Nummern wie „In 80 Tagen um die Welt“, „Ist da jemand?“ oder „Ruby Light & Dark“ und hatten Spaß. Eine Band von internationalerem Format hätte dem Festival aber sicher besser gestanden.

groezrock-2015Dazwischen traten auf der Back to Basics-Bühne die CANCER BATS auf. Deren Mix aus Rock, Metal und Hardcore macht für gewöhnlich Spaß und zog eine breite Menge Interessierter an, blieb in der Wirkung (trotz Cover des BEASTIE BOYS-Klassikers „Sabotage“) jedoch überschaubar. Der Sound erwies sich als mau, so dass die Stimmung nicht zwingend überschwappen wollte. Anders die folgenden IRON REAGAN, die auf ihrer ersten Europa-Visite mit derb schepperndem Thrash-Hardcore (gespielt wurde u.a. „Miserable Failure“) auf sich aufmerksam machten. Unterdessen gab es auf den MacBeth-Brettern UNDER THE INFLUENCE auf die Ohren, die Alternative-Metal mit Sprechgesang boten. Doll war es nicht, doch immerhin ließen sie einen rosa Barbapapa-Verschnitt von der Leine.

Nach ihnen spielten FEED THE RHINO, die wuchtigen Metal-Hardcore präsentierten und den überschaubaren Pulk angemessen in Wallung brachten. Ein weiteres Liebhaberstück tummelte sich mit KNAPSACK auf der The Revenge-Stage. Die alteingesessenen Indie-Rocker um SAMIAM-Gitarrist Sergie Lobkoff waren ebenfalls zum ersten Mal in Europa zu Gast – und gaben mit „Change is All the Rage“, „Courage Was Confused“, „Please Shut Off the Lights“ oder „Decorate the Spine“ einige Hits zum Besten. Der Zuspruch war nicht gewaltig, der Gefälligkeitsfaktor trotzdem hoch.

Im Back to Basics-Zelt nebenan gab es danach CEREMONY zu sehen. Die Kalifornier haben sich vom rüden Hardcore der Anfangstage ein gutes Stück entfernt und verlegen sich mittlerweile auf Old-School-Punk in BLACK FLAG-Manier. Genau diese Schiene bedienten sie hier vornehmlich (etwa mit „Saviour Machine“ oder „M.C.D.F.“), nahmen dabei aber viel zu selten Fahrt auf. So wurde es ein überraschend lahmer Auftritt. Das geht entschieden besser. So wie bei UNEARTH, dem Headliner der Impericon Stage. Die trotzten dem ansonsten weitgehend schwachen Sound der Bühne ein schmissiges Brett ab und bewiesen vor überraschend lichter Zuschauerschaft, dass der Metal-Hardcore längst nicht komplett abgeschrieben werden darf.

groezrock-2015-under-the-influenceMit LAGWAGON gab es auf der Monster Energy-Bühne um Viertel nach neun einen altbekannten Klassiker zu erleben. Die Mannen um Joey Cape, die mit ihrem jüngsten Album „Hang“ zu alter Stärke gefunden haben, beschränkten sich weitgehend auf bewährte Gassenhauer wie „Violins“, „Alien 8“ oder „May 16“. Neue Songs, solche wie „Obsolete Absolute“, „Western Settlements“ oder „The Cog in the Machine“, wurden auch gespielt. Ein wie immer sympathischer und sehr unterhaltsamer Auftritt. Den lieferten darauf auch PENNYWISE, die mit Cape und einem „International You Day“-Cover dem verstorbenen NO USE FOR A NAME-Frontmann Tony Sly gedachten. Ansonsten trugen sie ausschließlich Songs vor, die das Publikum gewohnt ist. Solche wie „Fight Till You Die“, „Homesick“, „Same Old Story“, „My Own Country“ oder „Society“. Da weiß man, was man hat.

Als Headliner der Back to Basics-Stage konnten DEFEATER verpflichtet werden. Die zählen nicht nur zur Speerspitze des Post-Hardcore, sie bestechen auch durch leidenschaftliche Live-Shows, bei denen das Publikum beständig mitgeht. Das Zelt erschütterten sie auch diesmal, wenn sich der Sound auch alles andere als optimal präsentierte. Mitreißend war es trotzdem, was bei Hits wie „Dear Father“, „Bastards“ oder „The Black, White and Blues“ auch nicht weiter wundert. Den (vermeintlich) krönenden Abschluss bildeten nach Mitternacht SOCIAL DISTORTION. Doch wirkte der Auftritt von Mike Ness und Begleitern eher wie Dienst nach Vorschrift.

Wer den mittlerweile eher gemütlichen, von Country beeinflussten Punk der Kalifornier zu schätzen weiß, der konnte an Nummern wie „Story of My Life“, „She’s a Knockout“, „Ball and Chain“, „Ring of Fire“ oder „Don’t Drag Me Down“ zweifelsfrei seine Freude finden. Über die Dauer von 75 Minuten fehlte dem Urgestein aber fraglos der Elan. Sicher ganz nett, aber definitiv kein absolutes Highlight des Groezrock-Auftakttages. Dass der trotzdem hielt, was er im Vorfeld versprach, lag neben einigen sehenswerten Gastspielen auch an der üblichen Bierseligkeit und dem diskussionswürdigen Nährwert der Brodje Mexicanos. Doch wer nichts wagt, der hat am Folgetag auch keine Magenprobleme. Aber das ist eine völlig andere Geschichte.

Die Fotos stiftete Huffer, Huffer & Fuchs

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