The Girl With All the Gifts (GB/USA 2016)

„If I had a box of bad things I’d put you in it and close the lid.“ – Melanie

In der griechischen Mythologie ist Pandora ein Werkzeug der Rache. Um die Menschheit für den Raub des Feuers durch Prometheus zu strafen, erhält sie verschiedene Eigenschaften, die sie zur „Allbegabten“ machen. Sie ist schön, klug, aber auch von kaum zähmbarer Neugier geprägt. Göttervater Zeus überreicht ihr eine Büchse, die alle Übel der Welt enthält – und die Hoffnung. Als Pandora die Büchse entgegen des strikten Verbotes öffnet, bringt sie Krankheit und Tod über die Menschen. Die Hoffnung kommt erst am Ende dazu, als die Erde ein trostloser Ort geworden ist.

In seinem dystopischen Roman „The Girl With All the Gifts“ (deutscher Titel: „Die Berufene“) – und dem gleich mitverfassten Drehbuch zur Filmadaption – zieht Mike Carey deutliche Parallelen zur Geschichte Pandoras. Auch hier ist das Mädchen mit den vielseitigen Begabungen Träger der Hoffnung. Wie sich am Ende zeigt, kann die aber auf verschiedene Arten interpretiert werden. Für die Trostlosigkeit sorgt ein Pilzbefall, der in einer unbestimmten Zukunft weite Teile der Menschheit in willenlose blutrünstige Kreaturen verwandelt hat. Die Übertragung der Infektion erfolgt durch Speichel oder Blut. Chance auf Heilung besteht nicht.

In einer Militärbasis im ruralen England arbeitet Wissenschaftlerin Caroline Caldwell (Glenn Close, „Albert Nobbs“) an einem Impfstoff. Als Grundlage dienen Kinder, die im Mutterleib vom Pilz befallen wurden, jedoch die Kontrolle über Körper und Geist behalten haben. In Zombie-eske Verhaltensmuster gleiten sie nur bei entblößter menschlicher Haut ohne spezielle Schutzcreme. Die vornehmlich an Rollstühle gefesselten Kinder werden in kleinen Zellen gehalten und zu Studienzwecken unterrichtet. Zur Lehrerschaft gehört Helen Justineau (Gemma Arterton, „Runner Runner“), die mit den Methoden von Offizier Eddie Parks (Paddy Considine, „Kind 44“) und seinen Männern hart ins Gericht geht.

Eine emotionale Bindung baut sie zur 10-jährigen Melanie (eine echte Entdeckung: Sennia Nanua, „Beverley“) auf. Das aufgeweckte Mädchen scheint als einzige der nichtsahnenden Probanden nie die Zuversicht zu verlieren. Als die Station von den „Hungries“ genannten Infizierten überrannt wird, gelingt Parks mit Caldwell, Justineau, Melanie und dem jungen Soldaten Kieran Gallagher (Fisayo Akinade, „Banana“) die Flucht. Ziel ist eine Hauptbasis nahe des gefallenen London. Unterwegs erlangt Melanie, die aus Sicherheitsgründen eine Gesichtsmaske tragen muss, das Vertrauen ihrer Begleiter. Da sich Hungries nicht gegenseitig attackieren, sucht sie nach sicheren Routen durch die entvölkerte Stadt.

Dort stoßen sie nicht nur auf ein mobiles Labor und eine Gruppe kannibalischer Jugendlicher, sondern auch das nächste Entwicklungsstadium des Pilzes: aus toten Körpern sprießende Pflanzen mit geschlossenen Samenkapseln, deren Pollen die Infektion durch die Atemluft und damit verbunden das endgültige Ende der Menschheit bedeuten würden. Nach kammerspielartiger Einleitung lässt Regisseur Colm McCarthy („Peaky Blinders“) die Post-Apokalypse mit aller Konsequenz über die Protagonisten kommen. Seine Version des Zombie-Themas weckt nicht allein aufgrund der stilistischen Nähe starke Erinnerungen an „28 Days Later“. Mit klappernden Unterkiefern jagen die Hungries ihre Beute und lassen die Chancen der Menschheit rapide schwinden. Das wirkt.

Allerdings erscheint die sehenswert besetzte Gruppe Überlebender wie aus dem Genre-Baukasten: die emotionsbefreite Forscherin, der harte Soldat, die am Humanismus festhaltende Lehrerin. Die damit verbundenen Konflikte können eine gewisse Formelhaftigkeit nicht verleugnen, mindern die Klasse des Gesamtwerks aber kaum. In dem wird auf Action und offensiven Horror weitgehend verzichtet. Die Erzählung bleibt trotz dosierter Gewaltspitzen ruhig und lebt vom konstant bedrohlichen Stimmungsbild (visueller Träger: das heruntergekommene London) und der Entwicklung von Perspektivgeberin Melanie. Neu mögen die wenigsten in „The Girl With All the Gifts“ präsentierten Ideen sein. Doch das bewegende Drama funktioniert trotz kleiner Makel ausgezeichnet und mündet in ein Finale von nachhallender Konsequenz. Hoffnung ist eben eine Frage des Betrachtungswinkels.

Wertung: 7.5 Stars (7,5 / 10)

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