Stranger Things (Season 1) (USA 2016)

stranger-things-season-1Wird ein Kind vermisst, ist es in 99 von 100 Fällen bei einem Verwandten. Die beruhigend gemeinte Darlegung von Sheriff Jim Hopper (David Harbour, „Manh(a)ttan“), der in der Kleinstadt Hawkins in Indiana Dienst tut, richtet sich an Joyce Byers (mit schmissiger White Trash-Note: Winona Ryder, „Edward mit den Scherenhänden“). Sie ist Mutter des spurlos verschwundenen Will (Noah Schnapp, „Bridge of Spies“). Die sich ihr aufdrängende Frage trifft jedoch den wunden Punkt von Hoppers Aussage: Was ist mit dem verbleibenden einen Fall?

Aus dieser Ausgangssituation schöpft „Stranger Things“ seine Geschichte. Die Netflix-Serie, erdacht und in weiten Teilen inszeniert von den Zwillingsbrüdern Matt und Ross Duffer („Hidden“), mixt über acht Episoden gekonnt Science-Fiction, Mystery und Horror. Die Besonderheit liegt im Setting, das den Zuschauer ins Jahr 1983 entführt und von Steven Spielberg bis Stephen King zahlreiche Anspielungen und Querverweise einflechtet. Nun könnte man – gerade im Hinblick auf den von Spielberg mit J.J. Abrams 2011 vorgestellten Kinofilm „Super 8“ – argumentieren, dass diese Herangehensweise weder neu noch originell sei. Das mag ansatzweise sogar zutreffen, führt am eigentlichen Kern jedoch weit vorbei.

Denn auch wenn die Duffer Brothers überwiegend auf bekannte Ideen und Motive setzen, gerät ihnen deren Kombination zweifelsfrei originell. Zudem – und genau da liegt für die Thirty- und Forty-Somethings der entscheidende Mehrwert – gelingt es den Machern perfekt, die Visualität und den Erzählrhythmus typischer Genre-Filme aus den Neunzehnachtzigern zu treffen. Seien es nun Spielbergs „E.T.“, Stephen King-Erzählungen (und deren Adaptionen) wie „Der Feuerteufel“, „Es“ und „Stand By Me“ oder krude Werke der Machart „Halloween III“, das über die Bilder transportierte Gefühl ist verblüffend authentisch. Hinzu kommen liebenswerte Kniffe wie das Bildrauschen beim (natürlich) grell leuchtenden Titelschriftzug oder der an John Carpenter erinnernde Synthie-Score.

Dass es in Hawkins nicht mit rechten Dingen zugeht, verdeutlicht das einleitende, von einer schemenhaften Kreatur verursachte Verschwinden des 12-jährigen Will. Die von Hopper initiierte Suchaktion bleibt ohne Erfolg. Wills Außenseiter-Freunde Mike (Finn Wolfhard), Dustin (Gaten Matarazzo) und Lucas (Caleb McLaughlin) wollen das nicht hinnehmen und machen sich selbst in die umliegenden Wälder auf. Dabei stoßen sie auf ein Mädchen in ihrem Alter, deren kurzgeschorenes Haar und die eintätowierte Nummer 011 ihre Neugier wecken. Mike lässt die wenig Worte machende Eleven (Millie Bobby Brown, „Intruders“) unbemerkt im elterlichen Keller wohnen, nicht ahnend, dass sie aus einer nahegelegenen Forschungseinrichtung der Regierung geflohen ist.

In der führt Dr. Brenner (Matthew Modine, „Full Metal Jacket“) geheime Versuche mit Psychokinese und Astralprojektion durch. Unliebsamer Nebeneffekt ist ein organischer Gallert, der im Untergeschoss einen Mauerriss ausfüllt und das Tor zu einer düsteren Parallelwelt im „Silent Hill“-Look bildet. Argwohn weckt das abgesperrte Areal beim ehemaligen Großstadt-Cop Hopper. Nur steht der mit seinen Vermutungen zunächst allein da. Joyce glaubt derweil, dass Will über die Innenbeleuchtung mit ihr in Kontakt tritt und behängt das Haus mit Lichterketten. Das bringt die mysteriöse Kreatur auf den Plan, deren unheilvolle Existenz auch von Joyces älterem Sohn Jonathan (Charlie Heaton, „As You Are“) und Mikes Schwester Nancy (Natalia Dyer, „After Darkness“) bemerkt wird.

Radfahrende Kids in kleinstädtischem Ambiente, per Gedankenkraft überwundene physikalische Gesetze, ein gesichtsloses Monster und ahnungslose Erwachsene (lethargischer Höhepunkt: Joe Chrest als Mikes und Nancys Vater). Auf dieser Basis schaffen die Duffer Brothers einen fesselnden Serienauftakt mit erstklassiger Besetzung und bis in die Nebenrollen überzeugend ausgearbeiteten Figuren – darunter Nancys nur scheinbar archetypischer Aufreißer-Freund Steve (Joe Keery). Abgerundet wird das atmosphärisch dichte Retro-Vergnügen durch Zitat-Hommagen (u.a. an „2001 – Odyssee im Weltraum“, „Das Ding aus einer anderen Welt“, „Star Wars“, „Der weiße Hai“, „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, „Tanz der Teufel“ oder „Alien“) und eine gesunde Prise Ironie. Das Ende lässt durch zwei Schlüsselszenen ausreichend unbeantwortete Fragen, eine Sequel-Season ist bereits in Planung. Wenn die Qualität konstant bleibt, dürften Hawkins die Mysterien vorerst nicht ausgehen.

Wertung: 8.5 Stars (8,5 / 10)

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