Springflut (Staffel 1) (S/D/B 2016)

Am Auftakt eines Krimis steht zumeist ein Mord. In der ersten Staffel von „Springflut“, basierend auf dem gleichnamigem Roman des Ehepaars Cilla und Rolf Börjlind, ist das nicht anders. Nur liegt das Verbrechen mehr als 20 Jahre zurück. Damals wurde eine schwangere Frau auf der schwedischen Insel Nordkoster am Strand eingegraben und von der Springflut ertränkt. Die Identität des Opfers blieb ungeklärt, Täter konnten nicht ermittelt werden. Einem Dozenten an der Polizeischule in Stockholm dient der Fall in der Gegenwart als „Cold Case“-Übung für Beamte in Ausbildung. Unter denen findet sich die junge Olivia Rönning (Julia Ragnarsson, „Take Down“), für die die Hausarbeit während der Sommerferien zu einer ganz persönlichen Angelegenheit wird. Denn einer der Hauptermittler war ihr verstorbener Vater.

Dass die ohne Scheu – und Vorsicht – agierende Olivia tatsächlich zu neuen Erkenntnissen gelangt, liegt in der Natur der Erzählung. Allerdings braucht es dafür eine Verkettung schicksalhafter Zufälle, die in der Gesamtbetrachtung zwar ein wenig konstruiert anmuten, der Klasse der Geschichte jedoch nicht im Wege stehen. Das liegt insbesondere daran, dass die auch fürs Drehbuch verantwortlichen Börjlinds klassischer Ermittlungsarbeit nur einen Teil der rund siebeneinhalbstündigen Spielzeit gewähren. Im Vordergrund steht häufig das Persönliche, so dass selbst für die eigentliche Wahrheitssuche unbedeutende Nebenfiguren ausreichend Raum zur plastischen Entfaltung erhalten. Das macht die Serie nicht zwingend zum konstanten Nägelkauer, doch ist es gerade die Sorgfalt bei der Charakterentwicklung, die das Format von anderen skandinavischen Krimis abhebt.

Auf Nordkoster, am einstigen Ort des Mordes, beobachtet Olivia den aus Costa Rica angereisten Nils Wendt (Dag Malmberg, „Die Brücke“). Der erpresst seine frühere Geschäftspartnerin Linn Magnusson (Helena Bergström, „Eine schöne Bescherung“), Chefin einer Minengesellschaft, mit einer alten, belastenden Tonbandaufnahme. Durch die Journalistin Eva Carlsén (Angela Kovacs, „Irene Huss“) stößt Olivia auf Jackie Berglund (Görel Crona, „Anna Holt“), die sich früher als Escort-Mädchen verdingte und in der Verbrechensnacht ebenfalls auf der Insel weilte. Als Schlüssel zur Wahrheit erweist sich jedoch der mittlerweile obdachlose Ex-Polizist Tom Stilton (Kjell Bergqvist, „Evil“), der früher selbst nach der Identität des Opfers fahndete und letztlich daran zerbrach.

Mit Hilfe von Olivia und Polizeichefin Mette Olsätter (Cecilia Nilsson, „Modus – Der Mörder in uns“) findet er langsam wieder Halt – und rüstet sich für einen persönlichen Rachefeldzug. Denn in einer wesentlichen Nebenhandlung verprügeln zwei Jugendliche (u. a. Gustav Lindh, „Jordskott – Der Wald vergisst niemals“) gezielt Obdachlose, wodurch eine Freundin Toms brutal zu Tode kommt. Der erzählerische Aufbau vollzieht sich bedächtig, fast langsam, verfügt durch punktierte Zuspitzung – und die erhellende Südamerika-Reise von Mettes wehrhaftem Vertrautem Abbas (Dar Salim, „Darkland“) – aber über genug Vorwärtsdrang, um den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Selbstredend erweisen sich die meisten Verdächtigen als Nebelkerzen. So darf das Finale als durchaus überraschend, für Olivia gar als nachhaltig existenziell erachtet werden. Ein unverhofft hochwertiger Serienstart.

Wertung: 8.0 Stars (8,0 / 10)

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